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Testamatta di Bibi Graetz

Ein Künstler mit Reben

In den Hügeln oberhalb von Florenz hat sich Bibi Graetz, ein Künstler mit norwegischen Wurzeln, als unkonventioneller Winzer einen festen Platz in der Spitzengruppe der toskanischen Weinerzeuger erarbeitet. Mit Weinen wie Testamatta und Colore gelingt ihm Jahr für Jahr der Ausdruck von Terroir, Rebsorte und Jahrgang in höchst individueller Form. Alte Rebstöcke, Spontangärung und kreative Freiheit prägen seinen Stil – kompromisslos, charakterstark und stets jenseits gängiger Normen.

 

Testamatta di Bibi Graetz

Von der Staffelei in den Weinberg

Die Geschichte von Bibi Graetz beginnt nicht in einer Weinakademie, sondern in einem Künstlerhaushalt. Als Sohn einer norwegischen Mutter und eines Vaters mit künstlerischer Ader wächst Graetz in den Hügeln von Fiesole bei Florenz auf – auf einem Landsitz, der mehr für Gemälde als für Landwirtschaft gedacht scheint. Dennoch liegt dort bereits eine kleine Rebfläche, lange unbeachtet, bis der junge Bibi, zunächst selbst auf dem Weg in die Kunstwelt, sich für eine andere Form des Ausdrucks entscheidet: den Wein. Ende der 1990er Jahre gründet er das Weingut Testamatta – ein Name, der programmatisch für seine Herangehensweise steht: »Tollkopf«.

Anfangs fehlt es ihm an weinbaulicher Erfahrung, doch er lernt intensiv, vier Jahre lang unter Anleitung erfahrener Winzer. Bereits mit dem Jahrgang 2001 gelingt ihm mit dem Rotwein Testamatta ein bemerkenswerter Durchbruch, der auf der Vinexpo in Bordeaux als »Bester Wein der Welt« ausgezeichnet wird. Seither erweitert sich seine Rebfläche kontinuierlich – von den anfänglichen zwei Hektar auf heute rund 50 Hektar – und sein Team wächst, wobei er eng mit befreundeten Winzern zusammenarbeitet, um beispielsweise den Casamatta zu realisieren. Seine Etiketten, von ihm selbst gestaltet, unterstreichen den künstlerischen Ursprung dieses ungewöhnlichen Winzers.


Charakter über Konvention

In der Welt von Bibi Graetz gelten andere Regeln. Nicht analytische Präzision oder technische Perfektion stehen im Vordergrund, sondern die lebendige Ausdruckskraft eines jeden Jahrgangs. Für Graetz ist Wein kein Produkt, sondern ein künstlerisches Medium – jedes Fass ein neuer Versuch, das Wesen des Terroirs und der Rebsorte in einem komplexen, authentischen Ausdruck zu fassen.

Auf seinem Weingut wird nahezu ausschließlich spontan vergoren, unter Einsatz wilder Hefen, was den Weinen Tiefe, Energie und Individualität verleiht. Beim Ausbau zeigt er sich experimentierfreudig: Große Holzfässer und gebrauchte Barriques sind Standard, doch neue Barriques kommen dann zum Einsatz, wenn sie der jeweiligen Cuvée einen sinnvollen Impuls geben – etwa beim Colore, der gelegentlich mehrere Jahre darin reift.

Diese kompromisslose Haltung, frei von Dogmen, durchzieht alle Ebenen seiner Arbeit. Jeder Wein erhält, was er braucht: Zeit, Aufmerksamkeit und manchmal auch den Mut zur Reduktion. Graetz verzichtet bewusst auf moderne Eingriffe und vertraut auf das Zusammenspiel von Rebe, Boden und Klima. Dabei orientiert er sich zunehmend an burgundischen Idealen – feinnervige, elegante Weine mit Transparenz und Tiefe ersetzen die kraftvollen Stilistiken seiner frühen Jahre. Ein exemplarischer Ausdruck dieses Wandels ist der Jahrgang 2018, der internationale Höchstbewertungen, darunter 100 Punkte vom Decanter, erhielt.


Die Lagen und das Terroir von Bibi Graetz

Das Zentrum des Weinguts liegt auf den Hügeln von Fiesole, außerhalb der klassischen Chianti-Zone. Gerade diese Randlage erlaubt es Bibi Graetz, seinen eigenen Stil zu entwickeln – jenseits etablierter Herkunftsnormen, aber tief verwurzelt im toskanischen Boden. Seine Weinberge erstrecken sich über mehrere Lagen: In Fiesole dominieren sandige Mergel-Lehmböden, die eine ausgezeichnete Drainage bieten und dem Sangiovese aromatische Klarheit verleihen. Im Chianti Classico stammen die Trauben aus alten Anlagen in exzellenten Höhenlagen, die nicht nur Frische, sondern auch Tiefe bringen.

Besonders bemerkenswert ist die Arbeit auf der Isola del Giglio, wo Graetz einst aufgegebene Terrassenweinberge restaurierte und mit der seltenen, fast vergessenen Sorte Ansonica bepflanzte – eine Rebsorte, die ursprünglich von Sizilien stammt. Dort prägt das maritime Mikroklima mit seinen salzhaltigen Winden und der mineralischen Kargheit des Bodens die Stilistik seiner Weißweine auf eindrucksvolle Weise: salzig, kräutrig, mit klarer Textur und großem Reifepotenzial. Das Terroir wird bei Bibi Graetz nicht interpretiert – es spricht für sich selbst.


Testamatta, Colore und Co

Im Zentrum des Portfolios stehen zwei Weine, die sinnbildlich für das Werk von Bibi Graetz stehen: Testamatta und Colore. Beide sind reinsortige Sangiovese-Weine, vinifiziert aus alten Rebstöcken in Höhenlagen rund um Florenz und im Chianti Classico. Testamatta, Graetz’ Erstling und zugleich sein Markenzeichen, ist der extrovertierte Ausdruck dieses Terroirs – mit Klarheit, Energie und Spannung. Colore, seine rare Spitzen-Cuvée, zelebriert das Gleichgewicht von Eleganz, Struktur und Tiefe. Beide Weine entstehen mit größtmöglicher Sorgfalt und entwickeln über Jahre hinweg eine aromatische Vielschichtigkeit, die sie zu gesuchten Sammlerstücken macht.

Ergänzt wird das Sortiment durch Testamatta Bianco und den weißen Colore, beide auf der Isola del Giglio aus Ansonica-Trauben gekeltert. Diese Weine zeigen, dass die Toskana nicht nur große Rotweine hervorbringt, sondern auch in der Weißweinerzeugung neue Maßstäbe setzen kann. Der Gutswein Casamatta hingegen bietet einen niedrigschwelligen Einstieg in die Welt von Bibi Graetz, bleibt dabei aber seiner Linie treu: klar, charaktervoll, mit eigenständiger Handschrift.


Internationale Anerkennung

Fachmedien wie Falstaff loben Graetz als »einen der hellsten Köpfe der toskanischen Weinwelt«, während der Gambero Rosso sein Gespür für verborgene Potenziale und ungewöhnliche Lagen hervorhebt. Seine Strategie, sich bewusst außerhalb klassischer Herkunftssysteme zu bewegen, wird nicht als Abgrenzung verstanden, sondern als innovative Erweiterung des toskanischen Weinverständnisses.

Zahlreiche internationale Höchstbewertungen – etwa die 100 Punkte des Decanter für den 2018er Testamatta – bestätigen die außergewöhnliche Qualität seiner Weine. In einer Region voller Traditionen gelingt es Bibi Graetz, neue Wege zu gehen, ohne sich von deren Substanz zu lösen. Seine Weine, unverkennbar in Stil und Ausdruck, beweisen, dass große Weine nicht nur aus großen Namen, sondern vor allem aus großen Ideen entstehen.


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