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Champagne Jacquesson
Gründungsmythos und Wiedergeburt: Die wechselvolle Geschichte von Champagne Jacquesson
Das Haus wurde im Jahr 1798 von Memmie Jacquesson in Châlons-en-Champagne gegründet. Schon früh war das Haus eng mit der Entwicklung der Champagne verbunden. Memmies Sohn Adolphe Jacquesson gilt als einer der fortschrittlichsten Köpfe seiner Zeit – er arbeitete eng mit dem Weinbauwissenschaftler Jules Guyot zusammen und entwickelte u. a. die heute noch verwendete Agraffe, für die er sich 1844 das Patent sicherte.
Im Jahr 1834 trat der Mainzer Johann-Joseph Krug in das Unternehmen ein, um dort zwei Jahre lang die Kunst der Champagnerherstellung zu erlernen – Erfahrungen, die später in die Gründung seines eigenen, heute legendären Hauses in Reims einflossen.
Nach dem frühen Tod der beiden Enkel Adolphes fiel das Unternehmen in eine Phase des Stillstands, aus der es erst 1945 von Léon de Tassigny neu belebt wurde. Dieser sicherte dem Haus durch geschickte Kontakte zu Weinbergbesitzern Zugang zu wertvollen Grand Cru-Lagen. Später führten seine Großneffen das Werk fort.
Einen entscheidenden Wendepunkt markierte das Jahr 1974, als die Familie Chiquet das Haus übernahm und mit Weitsicht sowie kompromissloser Qualitätsorientierung ein neues Kapitel aufschlug. Jean-Hervé und Laurent Chiquet führten Jacquesson ab 1988 zu internationaler Anerkennung. Mit dem Einstieg von Artémis Domaines im Jahr 2022 setzt Jean Garandeau als neuer Direktor die Philosophie des Hauses mit frischen Impulsen fort.
Die nachhaltige Philosophie bei Jacquesson
Das Streben nach Authentizität und Präzision steht bei Jacquesson über jeder modischen Strömung. Seit Jahrzehnten setzt das Haus auf naturnahe Bewirtschaftung – nicht aus Marketinggründen, sondern aus tiefem Respekt gegenüber dem Terroir. Die Reben werden organisch gepflegt, Herbizide oder synthetische Mittel finden keine Anwendung. Die mechanische Bearbeitung der Weinberge erfolgt teilweise mit Pferden, um den Boden zu schonen. Das ist kein romantisches Relikt, sondern Ausdruck einer Arbeitsweise, die die vitale Gesundheit der Böden langfristig sichern will.
Die Gärung beginnt stets spontan mit natürlichen Hefen. Jede Parzelle wird separat vinifiziert – eine Methode, die zwar arbeitsintensiv ist, aber eine differenzierte Beurteilung des Jahrgangs ermöglicht. Der Ausbau erfolgt ausschließlich im großen Holzfass, dem Fuder. Auf den Einsatz kleiner Eichenbarriques wird bewusst verzichtet, um den sortentypischen und lagenbezogenen Ausdruck nicht zu überlagern. Die Champagner reifen danach über viele Jahre auf der Hefe, teilweise bis zu 15 Jahre, bevor sie degorgiert werden. Diese Methoden zeigen: Bei Jacquesson geht es um die Wahrhaftigkeit des Weins, nicht um Effekte oder kurzfristige Trends.
Geografie des Charakters: Die Lagen und das Terroir
Der Besitz von Jacquesson erstreckt sich heute über 36 Hektar, von denen 29 im Eigentum des Hauses sind. Die Weinberge liegen ausschließlich in Grand- und Premier Cru-Lagen – darunter Avize, Aÿ, Oiry, Dizy, Hautvillers und Mareuil-sur-Aÿ – in den beiden renommierten Regionen Vallée de la Marne und Côte des Blancs. Die Böden sind kalkhaltig und bieten ideale Bedingungen für Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier.
Was Jacquesson auszeichnet, ist die konsequente Trennung der Parzellen bereits bei der Lese. Die Vinifikation erfolgt einzeln, was es ermöglicht, die spezifischen Merkmale jedes Terroirs präzise zu erfassen. Einige Parzellen – wie etwa „Corne Bautray“, „Les Terres Rouges“, „Champ Caïn“ oder „Vauzelle Terme“ – liefern regelmäßig so charakterstarke Grundweine, dass sie als Millésime-Einzellagen separat abgefüllt werden. Dieser Terroirgedanke ist bei Jacquesson kein Etikett, sondern gelebte Realität. Die geografische Lage der Domaine in Dizy – zentral zwischen den Parzellen gelegen – ermöglicht besonders kurze Wege zwischen Weinberg und Kelter. Auch das ist Teil der Qualitätsphilosophie: minimaler Zeitverlust, maximale Frische.
Champagner mit Handschrift
Die Weinpalette des Hauses lässt sich nicht in einfache Kategorien pressen – sie ist Ausdruck einer Philosophie, die auf Individualität und Jahrgangstypizität setzt. Herzstück des Sortiments ist die sogenannte „700er“-Serie: eine fortlaufende Cuvée, deren Nummer Rückschlüsse auf den Basisjahrgang erlaubt. Seit dem Jahr 2000 wird dieser Ansatz verfolgt – jede Nummer steht für eine neue Interpretation des Jahrgangs. Die Cuvée 742 etwa basiert auf dem Jahrgang 2014, ergänzt durch Reserveweine. Damit ist jede Ausgabe ein Unikat – „nie das gleiche, aber auch nicht ganz anders“, lautet das Motto.
Die Millésime-Champagner stehen für Eleganz und Tiefe. Sie stammen ausschließlich aus Grand- und Premier Cru-Lagen in Avize, Aÿ, Dizy und Hautvillers. Die Vinifikation erfolgt im Fuder, auf Barrique wird verzichtet, um den Ausdruck des Jahrgangs und der Lage nicht zu verwässern. Die Hefelagerung erfolgt über viele Jahre, was den Weinen Struktur, Feinheit und Langlebigkeit verleiht. Besonders rar und begehrt sind die Einzellagenchampagner – vinifiziert nur in besonderen Jahren. Namen wie „Corne Bautray“ oder „Champ Caïn“ stehen für präzise Handwerkskunst und tiefen Terroirausdruck.
Die Stellung in der Champagne
Jacquesson Champagne nimmt eine Sonderstellung ein – weniger laut als andere große Namen, aber unter Kennern höchstgeschätzt. Die Qualität der Weine spricht für sich und hat dem Haus in den vergangenen Jahrzehnten einen festen Platz unter den besten Produzenten der Region gesichert. Die Entscheidung, keine standardisierte „Hauscuvée“ herzustellen, sondern stattdessen die 700er-Serie als fortlaufende Jahrgangsinterpretation anzubieten, gilt als revolutionär und wird von Kritikern als mutiger und kluger Schritt gelobt.
Jacquessons Einzellagen-Champagner des Hauses zählen heute zu den gesuchtesten Raritäten der Region. Ihr klarer Terroirausdruck, ihre Struktur und Langlebigkeit machen sie zu Referenzweinen für die Stilistik eines puristischen, terroirbezogenen Champagners. Die Rolle der Chiquet-Brüder als Wegbereiter eines neuen Verständnisses von Qualität und Individualität in der Champagne ist unbestritten. Auch nach der Übernahme durch Artémis Domaines bleibt Jacquesson ein Haus, das mit höchstem Anspruch, tiefem Terroirverständnis und handwerklicher Präzision Maßstäbe setzt.
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