Selber habe ich es nicht erlebt, doch ich weiß es aus Erzählungen meiner Eltern und Großeltern: In den 1950ern und vor allem in den 1960ern, als das Wirtschaftswunder in vollem Lauf war und sich die ersten wieder eigene Automobile leisten konnten, da fuhr man nach Italien. Italien, das war schon lange ein Sehnsuchtsort, das hat nicht erst bei Goethe begonnen. Italien war damals genau die richtige Mischung aus Exotik und Altbekanntem, ja es war noch mitteleuropäisch genug, um sich sicher zu fühlen. Wem der Gardasee damals mental und auch nach Kilometern zu weit entfernt war, hat damals das Alto Adige, das Tal der Etsch, für sich entdeckt. Dort, in Südtirol, war es ebenfalls schon leicht mediterran, man hatte aber die deutsche Sprache mit dabei und den Wein konnte man damals ebenfalls trinken.

Die Weinqualität änderte sich – wie in Rheinhessen, an der Mosel, im Veneto oder Elsass – jedoch in den 1970ern rapide von der Qualität zur Quantität. Und so trank man auch daheim nicht mehr den guten Vernatsch sondern den in Großflaschen erzeugten Kalterersee genauso wie den Chianti aus der Bastflasche und den Massen-Soave in der Pizzeria. Es hat bis in die ausgehenden 1980er-Jahre gebraucht, bis sich das Weinland Südtirol wieder dem Qualitätswein zugewandt hat – auch da gingen sie konform mit den deutschen und österreichischen Winzern, für die diese Zeit ebenso ein Umbruch darstellt. Zu Beginn der 1990er hat mich dann eine der ersten, selbstgetätigten Weinreisen ebenfalls nach Südtirol verschlagen und seitdem mag ich die Weine dieses so herb-schönen, gebirgigen Landstrichs genauso wie die Menschen. Es ist eine interessante Mischung aus kleinen Betrieben hervorragender Erzeuger und größerer Genossenschaften, deren Qualität so außerordentlich gut ist wie kaum sonst irgendwo.

Viele Winzer mit kleinen, hochgelegenen Weinbergen bestimmen das Bild

Das kleingliedrige Gebiet ist eigentlich gar nicht für Masse ausgelegt. 5.300 Hektar stehen hier unter Reben, auch wenn Südtirol flächenmäßig mit 7.400 km² zu den größten der italienischen Provinzen gehört. Es ist so gebirgig dort, dass in den schmalen Tälern der Flüsse nicht viel Raum für die Landwirtschaft bleibt. So teilen sich Obstbau und Weinbau die Flächen und ziehen sich die Hügel hoch bis in 1.000 Meter Höhe.

Während sich das Image der teilautonomen Provinz vom reinen Rentner- zum Outdoor- und Lifestyle-Paradies mit folkloristischem Einschlag gewandelt hat, hat sich auch der Weinbau weiterentwickelt. Man weiß das Besondere, das Südtirol zu bieten hat, zu nutzen. Und zu diesen Besonderheiten gehört die große Auswahl an unterschiedlichen Gesteinen, die schon die Rätoromanen 1.000 v.Chr. zum Weinbau genutzt haben. Diese haben übrigens damals den Römern beigebracht, wie man Wein in Holzfässern vergärt und lagert. Genutzt werden ton- und lehmhaltige Böden, Porphyr, Reolit, Urgesteinsböden, Dolomitengestein, sandhaltiger Mergel, Schwemmlandschotter und Grauwacke mit hohem Kalkanteil. Dies lässt in der Verbindung mit dem Klima, das immer Cool Climate ist und doch einen deutlich mediterranen Einschlag hat, eine Vielzahl von Rebsorten zu, die von Merlot und Cabernet über Pinot Noir, Chardonnay oder Sauvignon Blanc zu den heimischeren Sorten wie Riesling, Kerner, Rosenmuskateller, Lagrein, Vernatsch und Traminer reicht. Letztgenannte Sorte hat sogar ihren Namen von der Südtiroler Gemeinde Tramin und man findet sie in vielen Varianten. Die bekannteste dürfte der Gewürztraminer sein, von dem man in Südtirol ebenfalls einige besonders schöne Exemplare findet.

Eine Mischung aus privaten Betrieben und Genossenschaften

Von den 5.000 Südtiroler Weinbauern vermarkten gerade einmal 100 bis 150 ihre Weine selbst. Die anderen geben den Ertrag bei größeren Privatkellereien ab oder sind in einer der vielen Winzergenossenschaften organisiert, die hier einen besonders hohen Stellenwert haben. Es liegt einfach daran, dass viele Weinbauern auf Grund der gebirgigen Lage nur kleine Flächen besitzen, die ihnen das Auskommen zusammen mit dem Anbau von Obst und der üblichen Zimmervermietung sichern. Heute, wo man in ganz Südtirol auf Klasse statt Masse setzt, ist dieser Traubenanbau glücklicherweise wieder lukrativ geworden, denn die Traubenpreise sind deutlich höher als beispielsweise im Süden des Landes. Dabei spielt auch eine Rolle, dass Cool Climate in den Zeiten des Klimawandels durchaus in ist und man weltweit frischere und etwas säurebetontere Weine wieder zu schätzen gelernt hat.

Luis Raifer und die Innovationskraft von Schreckbichl

Einer der Protagonisten dieser frühen Qualitätsbewegung war übrigens Dr. Luis Raifer, der jahrzehntelang die Geschicke der Kellereigenossenschaft Schreckbichl gelenkt hat und in den letzten Jahren den Staffelstab an seinen Sohn Wolfgang übergeben hat. Er hat schon in den 1970ern entgegen dem Trend auf hochwertige Rebsortenklone, Ertragsbegrenzung und Ökologie gesetzt – frühe Positionierungen, die sich längst ausgezahlt haben. So gehört die Genossenschaft Schreckbichl zu den besten und innovativsten Erzeugern ganz Italiens und die Cuvée Bichl, ohne die anderen Südtiroler Weine außeracht zu lassen, zu den mir liebsten Weinen des Sortiments. So innovativ wie die Winzer sind auch die Köche der Region, die das Land der Speckknödelsuppen und Schlutzkrapfen zu einem Schmelztiegel aus Tradition und Moderne gemacht haben und mit dafür sorgen, dass Südtirol immer eine Reise wert ist.

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