Stellen Sie sich vor, es ist Ferienzeit, die Koffer sind gepackt und es geht los Richtung Mittelmeer. Irgendwann überqueren Sie die französische Grenze und bei Paris biegen Sie von der Autobahn ab und fahren zurück in die Vergangenheit.

De toutes les routes de France d’Europe
Celle que j’préfère est celle qui conduit
En auto ou en auto-stop
Vers les rivages du Midi

Kaum eine andere Straße ist so sehr Frankreich, bietet so viel Vorfreude auf den Süden wie die RN7, die Route bleue, die Route 66 Frankreichs. Diese Strecke, die längst Historie ist, war bei uns Deutschen genauso beliebt wie bei den Franzosen, die in die Sonne wollten.

Nationale 7
Il faut la prendre qu’on aille à Rome à Sète
Que l’on soit deux trois quatre cinq six ou sept
C’est une route qui fait recette
Route des vacances
Qui traverse la Bourgogne et la Provence

Wir durchqueren all die wunderbaren französischen Weinlandschaften an der Loire, im Burgund und an der Rhône. Doch wir halten nicht an, denn da wollen wir nicht hin. Wir möchten in den Süden und Südwesten, ins Languedoc und Roussillon, schieben die CD mit Chansons von Charles Trenet ins Fach, drehen die Musik auf und legen die Ellenbogen auf das heiße Blech der Autotür.

Le ciel d’été
Remplit nos cœurs d’sa lucidité
Chasse les aigreurs et les acidités
Qui font l’malheur des grand’s cités
Toutes excitées.

Als wir endlich den Pont du Gard erblicken wissen wir, dass wir unser Ziel bald erreicht haben. Ein paar Wochen von Nimes über Sète, Montpellier und Perpignan bis zur spanischen Grenze und im Hinterland entlang der Pyrenäen durch das Land der Katharer nach Carcassonne und dann in den Südwesten rund um Toulouse.

On chante, on fête
Les oliviers sont bleus ma p’tit‘ Lisette
L’amour joyeux est là qui fait risette
On est heureux Nationale 7.

2.600 Jahre Weinbau
Die französischen Regionen, die direkt am Mittelmeer angesiedelt sind, sind seit jeher eng verbunden mit dem gesamten Mittelmeerraum. Vor rund 2.600 Jahren landeten die ersten griechischen Stämme an den Ufern zwischen dem heutigen Marseille und Perpignan, siedelten sich dort an und brachten Rebsorten mit. Sie trafen auf heimische Stämme, die möglicherweise ebenso Weinbau betrieben haben und die die Stämme begannen mit dem Handel. Später besetzten die Römer das Land und brachten weitere Rebsorten und Weinbautechniken mit, lernten aber auch von einheimischen Stämmen, wie man Wein im Holz statt in Amphoren ausbaut und transportiert. Die Region ist schnell zu einem bedeutenden Zentrum des französischen Weinbaus geworden. Im 13. Jahrhundert fand der Arzt und Gelehrte Arnaldus de Villanova heraus, wie man mit Abstoppen der Gärung durch die Zugabe von hochprozentigem Alkohol, haltbare Weine erzeugte, die man zudem auch noch sehr gut verschiffen konnte. Damals wurde die Basis für Vin Doux Naturel, Maury und Banyuls gelegt. Bereits seit dem 16. Jahrhundert wird der Blanquette de Limoux erwähnt, und damit der erste Schaumwein der Geschichte, der noch weit vor dem Champagner von Mönchen der Abtei Saint-Hilaire vinifiziert wurde. Heute nennt man diese Methode, bei der nur eine Gärung stattfindet, méthode ancestrale.

Weinbau in der Occitanie
Den Urlaub im Süden Frankreichs zu verbringen und durch die ausgedehnten Weinbaugebiete zu reisen, ist eine Herzensangelegenheit. Es sind Wochen voll tiefer Eindrücke, hervorgerufen durch die abwechslungsreiche Landschaft, die tief verwurzelte Kultur und die Menge an unterschiedlichsten Weinstilen. Immerhin finden sich im Süden und Südosten Frankreichs rund 263.000 Hektar Weinberge. Das heißt, dass dort ein Drittel der gesamten Weine Frankreichs entstehen; und das in 36 IGP-Gebieten (vormal Vin de Pays) und 73 Appellationen mit geschützter Ursprungsbezeichnung. Mehr als 100.000 Menschen sind im Süden mit der Produktion von Wein befasst – ein Umstand, den man schnell vergessen kann, wenn man mit viel Zeit durch die wild romantische Landschaft fährt. Das, was am meisten beeindruckt, ist die Menge an Rebsorten, Böden und Weinstilen, die man zwischen Nimes, Toulouse und Perpignan finden kann. Es sind mehr als 300 verschiedene Rebsorten, und davon rund 130, die irgendwann im Laufe der Jahrtausende in dieser Region entstanden sind. Wo es so viele verschiedene Rebsorten gibt, finden sich noch viel mehr Weinstile – vom Schaumwein bis zum Dessertwein, von jungen fruchtbetonten rebsortenreinen Rotwein bis zum lange gelagerten Cru, vom frischen Austernwein bis zum komplexen Weißwein aus dem Roussillon ist alles dabei. Man kann also sehr tief eintauchen in die Weinwelt der Occitanie und man wird immer etwas finden, was in hohem Maße begeistert.

Occitanie Weinbau

Wie in ganz Europa, litt das Gebiet im beginnenden 20. Jahrhundert unter den Folgen der Reblauskatastrophe, erholte sich jedoch recht schnell davon. Allerdings wurde – wie in den meisten Teilen Europas – bis in die 1980er Jahre mehr Wert auf Masse statt auf Klasse gelegt. Doch das hat sich nachhaltig verändert. Heute werden die Weine der Region in knapp 200 Länder weltweit exportiert und der Anteil an Qualitätsweinen wird immer höher – ebenso wie der Anteil qualitativ hochwertiger Landweine. Das kann man auch daran erkennen, dass es in der Region heute 1.557 Bio-Betriebe mit 23.303 Hektar Fläche gibt – rund ein Drittel der biologisch bewirtschafteten Weinbaufläche Frankreichs.

Die IGPs der Occitanie
Die Occitanie, das Land, indem okzitanischen gesprochen wurde, ist auch das Synonym für die Landweinregionen des Südens. Egal ob in den Coteaux du Pont du Gard, den Côtes de Thongue, dem Pays Cathare oder beispielsweise der Cité de Carcassonne – überall in den  Départements des Languedoc-Roussillon entstehen IGPs – Weine mit Geschützter Geografischer Angabe, vormals Vin de Pays genannt. 94 % davon werden als IGP Pays d’Oc sortenrein ausgebaut mit insgesamt 58 zugelassenen Sorten, die jeweils zu den vielen unterschiedlichen Böden wie Kalk, Sandstein, Schiefer, Gneiss, Sand oder Ton passen müssen. Die Qualitätsstandards, die sich die Region selber gegeben hat, hat in den letzten Jahrzehnten dafür gesorgt, dass diese IGP-Weine (IGP steht für Indication Gégraphique Protégée) Südfrankreichs weltweit so beliebt sind wie nie zuvor.

Roussillon

Die Weinberge des Roussillon erstrecken sich wie ein Amphitheater rund um Maury, Rivesaltes, Perpignan und Banyuls. Sie werden eingefasst von den Corbières im Norden, dem Canigou im Westen und den Albères als Teil der Pyrenäen im Süden. So finden sich allein 15 völlig unterschiedliche Bodenformationen mit eisenhaltigen Böden auf Kalk, schwarzem Schiefer, Sanden, Granit, Gneis, Mergel oder Ton. Roussillon ist wie ein Mikrokosmos des Südens mit den pittoresken Hafenstädten wie Collioure und den hoch gelegenen Katharerburgen im Hinterland, von denen man über die gesamte Landschaft blicken kann und erkennt, wie viel Rebfläche sich tatsächlich verteilt über die teils von Hitze getrocknete, oft sehr steinig karge doch immer auch ungezähmte und noch immer wilde Kulturlandschaft. Die Weine, vor allem jene von den Granit- oder Schieferböden rund um Collioure und Calce, sind oft wie die Landschaft. Grenache noir, blanc. Oder gris, Lladoner Pelut, Carignan, den es ebenfalls noir, blanc und gris gibt sowie Syrah, Mourvèdre oder Macabeu sorgen für Cuvées von wilder Ursprünglichkeit, die gleichzeitig elegant und überaus komplex sein können. Malvoisie und Muscat sorgen zusätzlich für Aroma in den berühmten Süßweinen der Region, den Maury Doux, den Muscat de Rivesaltes, oder den Banyuls Grand Cru. Diese Weine kann man wunderbar an einem lauen Sommerabend in einem der vielen Strandlokale am Mittelmeer genießen, doch wir packen auch etwas ein, denn diese Weine lassen einen auch zuhause wieder an Urlaub denken.

Languedoc

Schon auf dem Weg ins Roussillon, sind wir durch einige der bekanntesten Anbaugebiete des Languedoc gefahren. Denn die Küstenstraße führt ab Montpellier zum Beispiel durch die Vin-Doux-Naturel-Appellationen Muscat de Frontignan und Muscat de Mireval, aber auch durch das Anbaugebiet des frischen weißen Picpoul de Pinet, wo der passende Wein entsteht, den man zu den Austern trinkt, die am Étang de Thau gezüchtet werden. Die AOC La Clape liegt ebenso auf dem Weg wie Ausläufer der AOC Corbières sowie die AOC Fitou. Diese Regionen haben uns schon vor Jahren einige der spannendsten Rotwein-Cuvées des Südens auf den Tisch gebracht, und sie tun es heute noch immer. Nur hat sich in den letzten Jahren der Qualitätslevel immer weiter erhöht und es sind AOCs hinzugekommen, die so etwas wie den Kern der jeweiligen Appellationen bilden. Boutenac innerhalb der Corbières zum Beispiel, La Lavinière innerhalb des Minervois oder Roquebrun innerhalb der AOC St. Chinian. Diese kleinen Appellationen haben sich zu den Crus des Südens entwickelt. Diese kommunalen Appellationen bilden die Spitze einer Region, die bis heute von würzigen Rotwein-Cuvées aus Grenache, Mourvèdre, Cinsault und Carignan geprägt sind, in denen Weiß- und vor allem auch Roséweine ein immer größere Rollen spielen. Das Languedoc ist ein Schmelztiegel unterschiedlichster klimatischer und geologischer Einflüsse. Und das macht es so spannend, diese Weinvielfalt zu entdecken. Das klappt vor Ort natürlich am besten. Und bevor wir weiter Richtung und Toulouse und den Süd-Westen fahren, wollen wir die Zeit noch ein bisschen am Canal du Midi genießen und die Seele baumeln lassen.

Sud-Ouest
Was in Frankreich und auch in England oder den USA schon lange angesagt ist, rückt bei uns erst so langsam in den Fokus. Doch was gibt es alles zu entdecken im so genannten Sud-Ouest, der Region, die von den Pyrenäen bis fast nach Bordeaux reicht – und sich von der Atlantikküste bis ins Landesinnere erstreckt. Manche dieser Weinappellationen hat man schon mal gehört, Cahors zum Beispiel, Madiran, Fronton, Gaillac oder Jurançon. Gebiete wie Iroulegy, Marcillac oder Béarn sind bis heute nur den Spezialisten bekannt. Das sollte sich ändern, denn der Südosten ist eine Gegend voller positiver Überraschungen. Allein 120 unterschiedliche, oft uralte Rebsorten sind zu entdecken. Haben Sie schon von den roten Sorten Négrette, Duras, Tannat, Malbec, Fer Servadou oder Abouriou gehört? Oder vielleicht schon mal die weißen Sorten Colombard, Mauzac, Petit und Gros Manseng, Petit Courbu, Ondenc und Len de l’el probiert? Genau das kann man dort tun. In diesem Gebiet, welches einerserseits durch die Hauptstadt Toulouse geprägt ist, andererseits aber oft noch seinen ursprünglichen Charme bewahrt hat, wirken auch die Weine manchmal wie aus der Zeit gefallen. Und das kann man nur positiv sehen in einer Zeit, in der seltene Sorten zugunsten der bekannten immer weiter zurückgedrängt werden. Diese Hinwendung zu Bordelaiser Rebsorten hat auch der Südosten mitgemacht. Doch erfolgreicher sind die Winzer damit, ihre eigenen uralten Stile und Sorten zu nutzen, um moderne Weine zumachen, die im Kern ihre Tradition bewahren. Und so findet man im Tal des Flusses Lot, am Becken der Garonne, an den Ufern des Tarn und auch in der Gascogne wieder sehr spannende und vor allem eigenständige Weine.

Selbst vier Wochen Urlaub reichen lange nicht aus, um ein Weingebiet zu bereisen, das fast drei Mal so viel Rebfläche hat wie ganz Deutschland. Zu viel gibt es zu entdecken, zu viel zu probieren. Doch das, was wir diesmal nicht geschafft haben, werden wir im nächsten Sommerurlaub entdecken. Und dazwischen bleibt ein Jahr Zeit, die Früchte dieser Region auch zu Hause zu probieren, denn immerhin gibt es viele dieser besonderen Weine auch hier. Derweil schalten wir wieder unser Autoradio an und genießen noch ein bisschen die Chansons von Charles Trenet …

La mer
Au ciel d’été confond
Ses blancs moutons
Avec les anges si purs
La mer bergère d’azur
Infinie