Alexander Margaritoff

Haben Sie es schon gehört, oder gelesen? Der Günther Jauch, ja, genau der, Sie wissen schon, hat seinen eigenen Wein im Glas nicht erkannt! Und nun muss man sich mal vorstellen, fragt der doch glatt nach, ob man ihm hier „Fusel“ anbieten möchte, und das hier „sei ja wohl kein ganz großer Wein“. Und nun fließt der Spott aus den Gazetten und blanker Hohn tropft in die Mikrofone der Radiomoderatoren. Und für den beliebten Moderator stellt sich nun einmal nicht die Frage „Wer wird Millionär“, sondern „Wer ist der Scharlatan?“

Dabei ist hier weder Häme noch Spott geboten, noch ist Jauch ein Dilettant. Alle diejenigen, die jetzt über Jauch´s Fauxpas süffisant grinsen und ihr Gemüt mit Schadenfreude aufladen, haben vermutlich noch nie eine Verkostungssituation mit ihren besonderen Umständen erlebt. Und -das ist durchaus ein Erfahrungswert- würde man all jenen Lästermäulern einmal ein Birnen-, Apfel- oder Bananenaroma unter die Nase halten, sie könnten sie kaum voneinander unterscheiden, und das, obwohl man sich diesen Früchten so gut wie täglich zuwendet.

Es gibt viele Einflüsse auf die sensorische Wahrnehmung des Menschen, dazu gehören Umfeld, Verkostungssituation, Stressfaktoren. Zum letzteren können beispielsweise auch und gerade Interview-Situationen, ob nur vor Mikrofon oder dazu noch mit laufender Kamera gehören. Alle, die mit Verkostungen zu tun haben, und dazu gehören nicht nur Winzer und Weinverkoster, sondern auch beispielsweise jene Verkoster, die für Kaffee- oder Teemischungen verantwortlich zeichnen, können von äußeren Einflüssen auf Verkostungsergebnisse ein Lied singen. Nicht umsonst sind die Räumlichkeiten, in denen professionell verkostet werden muss, neutral und weitgehend abgeschottet, damit man sich ausschließlich auf die Wahrheit in Glas oder Tasse konzentrieren kann.

Und Günther Jauch befindet sich da in gar nicht so schlechter Gesellschaft, gab es doch vor noch gar nicht langer Zeit einen namhaften Weinkritiker, der in einer Blindverkostung einem belanglosen, billigem Riesling aus dem Supermarkt eine bemerkenswerte Laudatio zukommen ließ. Und, es ist einige Jahre her, da hat Madame Krug vom exklusiven, berühmten und allerdings auch so ziemlich teuersten Champagnerhaus Krug ihren zweifelsfrei ausgezeichneten Champagner in einem ca. 40 Grad warmen Fernsehstudio vor laufender Kamera in „Sack und Asche“ gehauen.

Günther Jauch hat seinen eigenen Wein nicht erkannt, na und? Fragte sich auch schon zurecht der bloggende Winzer Dirk Würtz. Man wird nicht glauben wollen, wie vielen professionellen Winzern so etwas passiert, nur darüber redet und schreibt niemand. Wenn der Verfasser dieser Zeilen einmal auflisten würde, wie viele Korkfehler er schon bei Weinpräsentationen im Glas hatte, obwohl die Weine vom Erzeuger zuvor gecheckt worden waren….

Günther Jauch hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er auf dem Gebiet des Weines ein Amateur sei, aber lernwillig. Und er setzt sich mit seiner neuen Materie auseinander. Günther Jauch gehört auch nicht zu jenen wohlhabenden Menschen, die sich aus Spaß an der Freude ein Weingut leisten, und sich damit aufblasen, weil Wein gerade im Trend ist. Von dieser Sorte gibt es einige auf dieser Welt. Das Weingut von Othegraven, eines der traditionsreichsten Saargüter, drohte von der Landkarte zu verschwinden, wenn sich Günther Jauch nicht darum gekümmert hätte. Was das bedeutet, wissen all jene, die einmal die Mosel bereist und der vielen verwilderten Weingärten ansichtig wurden. Und dann sollte man daran denken, dass die Mosel (im großen Sinne) neben der Toskana, der Provence und der Wachau eine einzigartige Weinkulturlandschaft darstellt, um deren Existenz wie deren Weine Deutschland weltweit beneidet wird.

Statt dass wir uns in Hohn und Spott über Jauch´s Versehen ertränken, seien wir ihm lieber dankbar dafür, dass er einen wichtigen Schritt zum Erhalt dieser Kulturlandschaft geleistet hat.

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