Rund 70 Kilometer westlich von Wien donauaufwärts liegen die Weingärten der Familie Bründlmayer im Kamptal. Willi Bründlmayer übernahm das Weingut seiner Eltern zu Beginn der 1980er Jahre und gehört heute zu den bekanntesten Winzern Österreichs. Seine Weine und auch das Weingut selbst haben zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Wir wollen gern mehr über den Erfolg des Österreichers erfahren und haben ihm zum Interview gebeten.

Was ist Ihre erste mit Wein verbundene Erinnerung?

An harten und  kalten Wintertagen  bekamen meine Schwester und ich als Therapie gegen die rinnende Schnupfnase ein Gläschen heißen Rotwein. Anfangs fand ich das furchtbar, bis eines Tages mir das Getränk die Glieder durch und durch erwärmte, mir  in den Kopf stieg und mich glücklich machte. Selten hatte ich so ein herzhaftes Mitteilungsbedürfnis, wie in diesem Moment und fühlte eine so innige Verbindung zu meiner Familie, als mir das erste Mal im Leben ein Wein „schmeckte“.

Was ist Ihre Philosophie als Winzer?

Gerne will ich die, von meiner Familie übergebenen Grundstücke, vor allem die Weingärten so pflegen, dass sie nach Weitergabe an die nächste Generation genauso fruchtbar, schön, einmalig und vielfältig sind wie zum Zeitpunkt, als sie mir übergeben wurden. Ich finde, es ist generell ein gutes Ziel, die Welt ein bisschen besser zu hinterlassen, als man sie ursprünglich vorgefunden hat.

Ansonsten ist es wichtig, jung und neugierig zu bleiben: Jeder Jahrgang bringt neue Herausforderungen, jeder Jahrgang ist ein Unikat. Die Entstehung von feinem Wein ist aber nicht nur eine Angelegenheit der engagierten Einzelperson, sondern viel besser als Teamarbeit zu schaffen.

Wir alle hier im Weingut arbeiten hart und mit Begeisterung, um den Klang der Natur zu verstehen und richtig umzusetzen.

vlnr.: Vincent Bründlmayer, Willi Bründlmayer, Andreas Wickhoff, Thomas Klinger; Weingut Bründlmayer, Langenlois, Niederösterreich, Austria

Was macht Ihnen an der Arbeit mit Wein die größte Freude?

Das schönste ist die Einzigartigkeit jedes Weins und sein Werdegang. Jede Jahreszeit hat seine großen Freuden, nichts aber übertrifft die Stimmung während des Austriebs: Nach dem Winter ist es ein unglaubliches Gefühl der Kraft und Lebendigkeit, wenn die Reben zuerst „weinen“ und  aus ihren Knospen schießen und vital den Drahtrahmen zur Sonne klettern. Betörend der subtile Duft der Rebblüte, der sich im Frühjahr über die Weinlandschaft legt. Nach dem Winter spürt man vom Boden millionenfache Lebewesen wiedererwachen, nicht zuletzt die vielfältigen Blüten der Weingartenbegrünung, die zwischen den Reben wachsen.

Naja, das sag ich jetzt im Frühjahr, im Herbst begeistert mich dann die magische Umwandlung der süßen Trauben in feinen, aromatischen Wein.

Was war bis jetzt Ihr größtes Erfolgserlebnis als Winzer?

Im Jahr 1985, einige Jahre nachdem mir das Weingut von den Eltern übergeben wurde, brach im Sommer der sogenannte „Weinskandal“ aus, viele verfälschte Weine waren im Umlauf, alle Weinliebhaber waren verunsichert und der Verkauf des Weines kam praktisch zum Erliegen. Einige Woche danach kam die Umkehrung: Alle Winzer, die 100 % saubere Weine hatten, bekamen öffentliche Bestätigung dafür und Rückenwind für ihre seriöse Arbeit. Im Jahr danach landete unser Chardonnay 1985 in einer großen Probe des „Weinpapstes“ Luigi Veronelli“ zur größten Überraschung auf Platz 1 aller Chardonnays der Welt. Jeder hätte bei den Favoriten an Frankreich, Kalifornien oder Australien gedacht. Angelo Gaja hatte gerade kurz davor seinen wunderbaren Gaia & Rey lanciert.  Im Jahr danach konnten wir den „besten Chardonnay der Welt“ dafür verwenden, unseren Kunden und Weinliebhabern zu zeigen, dass auch die allerbesten Grünen Veltliner dem Chardonnay in nichts nachstehen, sondern zu den besten Weißweinen der Welt zählen. So gelang es, auch die feinsten Grünen Veltliner unseres Kellers ins Rampenlicht zu stellen.

Womit sollen Weintrinker den Namen Bründlmayer verbinden?

Geradlinigkeit, Herkunftsweine von Charakter und Persönlichkeit, die in der Lage sind, über viele Jahre, manche über Jahrzehnte, wunderbar zu reifen. Ökologisch sinnvolle Pflege der landschaftlich wunderschönen Weingärten, nicht zuletzt der berühmtesten Lage der Region, dem Zöbinger Heiligenstein, der Weinbau mitten in einem einmaligen Naturschutzgebiet als Herausforderung stellt. Seit meiner Übernahme des Weinguts im Jahr 1981 wurden keine chemischen Dünger oder Herbizide verwendet, zuletzt haben wir auch die bürokratische Aufgabe auf uns genommen, alle unsere Weingärten Bio zu zertifizieren.

Gibt es eine Anekdote aus Ihrem Winzerleben, die sie gerne erzählen?

À propos Zöbinger Heiligenstein:  Über viele Jahre arbeitete ich in Nachbarschaft eines betagten Winzers namens Franz, der niemandem vertraute und alles, von der Rebveredlung bis zur Vinifizierung ausschließlich alleine machte. Seine Reben waren uraltes Pflanzmaterial, robust, kleinbeerig und mit feinem Geschmack.  Eines Tages kam sein Schwiegersohn und erzählte mir, dass Franz krank geworden war und den Weingarten nicht mehr bewirtschaften kann. Er hat ihn zu seinem Bett bestellt und ihm den Weingarten, sein „Lebenswerk“, übertragen. Der reich beschenkte, in seinem Beruf Bäcker,  erzählte mir, dass er „nichts am Hut habe“ mit Weinbau, vor allem nicht so einen verrückten Weinbau auf Steilterrassen, wie der von seinem Schwiegervater Franz. Was soll er tun? Das Erbe nicht annehmen und vom alten Mann verflucht werden, der möglicherweise in seiner Gram, keinen dankbaren Nachfolger zu finden, sterben würde?

Unsere Lösung, gemeinsam mit dem Rest der Familie: Wir spielen Theater! Die Arbeit wurde von mir erledigt, ohne dass der alte Mann davon erfuhr. Der Wein des Weingartens wurde separat gefüllt und die Flaschen für Franz mit den ortsüblichen Billigkorken verschlossen. Franz war ganz überrascht, dass auch sein Schwiegersohn einen ausgezeichneten Heiligenstein schaffte.

Für mich war es der Einstieg in die separate Abfüllung „Heiligenstein Alte Reben“. Heute ist Franz leider schon lange verstorben, der Weingarten mit seinen alten Reben wird aber weiterhin liebevoll gepflegt und bringt feinste Ernte.

Gibt es einen Bründlmayer Wein, der Ihnen besonders am Herzen liegt?

Da spreche ich jetzt nicht über Wein sondern dessen Weiterverarbeitung zum Sekt in traditioneller Methode der Flaschengärung: Als ich meine Frau Edwige kennen lernte und sie aus Frankreich nach Langenlois ins Kamptal übersiedelte, da hatte sie  im Übersiedlungsgepäck ihr Lieblingsgetränk: Feinen Champagner. Für mich war es eine große Aufgabe, hier in Österreich, in den kühlen Hügeln rund um Langenlois, die idealen Trauben zu finden, einen Sekt zu produzieren, der meiner Frau eine neue Heimat geben würde, einer, der ihr genauso gut schmecken würde, wie feinster Champagner. Der erste Sektjahrgang war 1989, meine Frau freute sich über den Liebesbeweis in der Form von Brut , Extra Brut oder Brut Rosé. Sie bleibt natürlich  eine sehr strenge aber liebevolle Kritikerin der Sekt Qualität.

Gibt es einen anderen Winzer, den Sie besonders schätzen?

Ich hatte das Glück, frühzeitig Paul Draper, den Leiter des Weingutes Ridge in Kalifornien kennen zu lernen. Seine Herangehensweise an Weinbau und Weinausbau war für mich immer inspirierend und vorbildlich.

Haben Sie für das Weingut Bründlmayer eine Vision für die kommenden Jahre?

Unserem Weinbau stehen wichtige Anpassungen an Klimaveränderungen bevor. Wichtig ist es, die Böden und das Leben des Bodens vor übermäßig starken Niederschlägen oder Austrocknungen zu schützen. Artenvielfalt und Pflege des reichhaltigen Ökosystems Weingarten sind die erste Aufgabe. Für die Weintrauben müssen wir durch die Architektur des Rebstockes und durch unsere Arbeit die Voraussetzung schaffen, dass auch in Zukunft große und reifefähige Weine in unseren Lagen heranwachsen. Das Kulturgut Wein begleitet die Menschheit seit über 10 000 Jahren. Ich bin dankbar, dass ich einen Teil dieses Weges mitgehen kann.

Gibt es einen Traum, den Sie als Winzer noch verwirklichen möchten?

Während wir beim Grünen Veltliner, Riesling, Chardonnay und beim Sekt schon wirkliche Wahrzeichen setzten konnten, so würde ich mir diesen Erfolg noch bei einer der ältesten Sorten unserer Region wünschen: Beim Pinot Noir. Natürlich kommt die Klimaerwärmung der steigenden Qualität der Rotweine in unserer ursprünglich sehr kühlen Region zugute. Was früher vielleicht noch dünn und säuerlich war, wird immer ausdrucksstärker und charaktervoller.

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