Der Marketing- und PR-Experte Peer F. Holm, Jahrgang 1966 ist in der Weinwelt bekannt wie der sprichwörtliche „bunte Hund“! Präsident der Sommelier-Union Deutschland e. V., vom Consejo Regulador DOCA Rioja ernannter offizieller „Rioja Wine Educator“, DLG zertifizierter „Sensorischer Sachverständiger zur Bewertung von Wein und Sekt“, und seit 2008 mit „Wein und Wissen“ selbstständig mit Beratungs- und Schulungstätigkeiten rund um Wein und Genuss. Die Liste der Titel und Expertisen ließe sich noch weiter fortführen, wir lassen ihn aber selbst zu Wort kommen:  

Was ist Ihre erste mit Wein verbundene Erinnerung?

Meine erste wirklich bewusste Erinnerung mit Wein kommt aus der Gastronomie. In der Oberstufe habe ich in einem Bistro in Celle gejobbt und dort war Wein als Speisebegleiter alltäglich. Vielleicht hat das bereits meine spätere Laufbahn entscheidend geprägt.

Wie sind Sie beruflich zum Wein gekommen?

Über die Gastronomie. Zwischen Jobben im Bistro, Abi, Bundeswehrzeit und Beginn der Ausbildung zum Restaurantfachmann im Hamburger Hotel Vier Jahreszeiten, hatte ich bereits etliche Weinseminare vom DWI absolviert. So fühlte ich mich eigentlich schon „allwissend“ was Wein betrifft, als ich meine Lehrzeit begann. Die Ernüchterung kam umso schneller, als ich die Weinkarte aufschlug und bei den internationalen Weinen all die gelernten Angaben wie Lagennamen, Rebsorten und Geschmacksrichtungen (trocken, halbtrocken, …) nicht fand. Dies war für mich ein Anreiz, mich noch intensiver und breiter mit dem Thema zu beschäftigen.

Was macht Ihnen an der Arbeit mit Wein die größte Freude?

Die Menschen und die Vielfalt. In beliebiger Reihenfolge und Kombination. Die Menschen als Produzenten, Sommeliers, Gastronomen, Händler, Genießer, oder was auch immer. Die Vielfalt der Menschen und Ansichten, aber auch ganz entscheidend die Vielfalt der Wein- und Getränkestile. Sind maischevergorene Weine – oft auch pauschal als Orange oder Natur-Weine bezeichnet – etwas Neues? Bestimmt nicht, denn es gibt beispielsweise in Georgien eine schätzungsweise 8.000 jährige Tradition dieser Produktionsweise. Aber alte Traditionen erleben gerade in der heutigen, dynamischen Zeit eine große Renaissance. Nach Jahrzehnten, in der die Entwicklung immer mehr in Richtung Technisierung ging, wird heute wieder – ganz bewusst – auf Technik verzichtet. Durch die Globalisierung werden Weine aus der ganzen Welt für uns verfügbar. Die Vielfalt wird immer offensichtlicher, greifbarer und erlebbarer. Und ich liebe Vielfalt!

Gibt es einen Moment in Ihrem Wein-Leben, auf den Sie besonders stolz sind?

Eigentlich ist es schwer, einen einzelnen Moment zu benennen, da die mehr als 20 Jahre meiner Wein-Laufbahn für mich nicht nur sehr abwechslungsreich waren, sondern auch sehr viele Momente beinhaltet haben, auf die ich stolz bin. Dazu gehört sicherlich ganz besonders auch der erfolgreiche Schritt in die Selbstständigkeit vor nunmehr gut 10 Jahren. Dieses Jahr gab es eine weiteren großen Moment in meinem Wein-Leben, auf den ich sehr stolz bin: bei der Weltmeisterschaft der Sommeliers in Antwerpen konnte sich mit Marc Almert ein junger und sehr talentierter, dabei aber auch bodenständiger Sommelier durchsetzen und der 16. Weltmeister der ASI (Association de la Sommellerie Internationale) werden. Als Präsident der Sommelier-Union Deutschland habe ich Marc in den letzten Jahren begleitet und ihn zusammen mit dem Team gefördert. Mit dem Sieg bei diesem hochkarätigen Wettbewerb ist ein großer Traum in Erfüllung gegangen. Das erfüllt mich, gemeinsam mit Marc Almert und dem Unterstützer-Team mit immensem Stolz!

Womit sollen Weinkenner den Namen Peer F. Holm verbinden?

Mit Passion und Profession. Passion fasst Leidenschaft, Engagement und Genuss zusammen. Das Ganze dann aber auch professionell umgesetzt und nicht als Liebhaberei. Zudem spiegelt sich hierin auch der internationale Ansatz: die Worte kommen so in zahlreichen romanischen Sprachen vor und sind damit für viele Menschen – auch wenn sie nicht Deutsch sprechen – umgehend verständlich. Daher haben wir Passion & Profession vor einigen Jahren auch als Motto der Sommelier-Union gewählt.

Gibt es eine Anekdote aus Ihrem Wirken rund um den Wein, die sie gerne erzählen?

Der Moment, in dem ich als junger Lehrling die Weinkarte meines Ausbildungsbetriebes durchblätterte und plötzlich feststellen musste, das mein Wissen um den deutschen Wein nur ein Bruchteil der Weinwelt ist, so wie ich es oben bei meinem Weg zum Wein bereits beschrieben hatte.

Gibt es ein Wein Projekt, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Ist die Sommelier-Profession ein „Wein-Projekt“? Die Sommellerie liegt mir sehr am Herzen, auch wenn ich seit Jahrzehnten nicht mehr klassisch als Sommelier arbeite. Ich fühle mich der Sommellerie aber sehr verbunden und engagiere mich wo immer ich kann. Aber ist es ein „Wein-Projekt“, wo es doch „Sommeliers“ für alles Mögliche gibt? Sei es Brot, Fleisch oder Fisch, sei es Bier, Wasser oder Saft. Aber genau hier ist der Haken: der Begriff „Sommelier“ wird von der Weiterbildungsindustrie missbraucht, um den Absolventen von Kursen einen wohlklingenden Titel verleihen zu können. Da klingt „Sommelier“ anscheinend viel ansprechender und wertiger als „Experte“ oder ähnliches. Dabei umfasst das Aufgabengebiet des Sommeliers alle Getränke, die am Tisch des Gastes serviert werden. Und mit den Lebensmitteln und Zubereitungsarten muss er sich auch auskennen, um dem Gast eine passende Empfehlung unterbreiten zu können. Es ist also ein Projekt, welches mir sehr am Herzen liegt, das aber auch weit über den Wein hinaus geht.

Gibt es einen Winzer, den Sie besonders schätzen?

Es gibt sehr viele Winzer, die ich besonders schätze. Seien es meine ehemaligen Lehrherren wie Fritz Keller oder den leider viel zu früh verstorbenen Bernhard Huber, langjährige Wegbegleiter wie Alvaro Palacios, Dirk Niepoort, Thomas Seeger, Dirk Würtz oder auch aktuelle Talente und Persönlichkeiten. Diese Frage ausführlich zu beantworten würde wahrscheinlich wirklich den Rahmen sprengen. Zudem gibt es so viele Winzer, die ich noch gar nicht kenne und daher noch nicht schätzen lernen konnte …

Haben Sie für unsere Leser einen Geheimtipp, einen Wein den man unbedingt mal probieren sollte, wenn man glaubt, dass man schon alle Gängigen Rebsorten und Regionen probiert hat?

Diese Frage könnte ich ganz leicht und kurz beantworten mit „2013 Ak Arba Kazakh Riesling aus Kasachstan“. Ein Wein, der mich persönlich sehr überrascht hat, da er in keiner Blindprobe aufgefallen wäre als etwas „exotisches“. Vielmehr wäre er wahrscheinlich als Riesling aus dem Elsass verortet worden. Aber muss es als Geheimtipp immer etwas exotisches sein, nur um sicher zu gehen, dass es so gut wie keiner von hier je im Glas hatte? Es gibt glücklicherweise auch hier in Deutschland und Europa so viele Entdeckungen, so viele Geheimtipps, das wir eigentlich gar nicht so weit in die Ferne schweifen müssen. Wir haben eine grandiose junge Winzergeneration am Start. Noch nie waren sie so gut ausgebildet wie heute, haben Auslandserfahrungen gesammelt und bringen andere Eindrücke mit nach Hause, in die elterlichen Betriebe. Und wenn alles gut läuft, sich die Generationen arrangieren, schlummert ein unglaubliches Potential bei den Weingüter: die Erfahrung der Eltern und der Wille der Kinder, das Gelernte zuhause so umzusetzen, dass die eigene Identität weiterhin – oder gar noch prägnanter – sichtbar und schmeckbar ist. So gesehen kann ich nur sagen: Augen auf und die Vielfalt auf sich wirken lassen.

Gibt es einen Wein den Sie gerne noch probieren möchten?

Ganz viele sogar. Klar ist es aufregend, „große Namen“ zu verkosten, um sich selbst ein Bild davon zu machen, ob diese wirklich so groß sind, wie sie beschrieben werden. Oftmals ist dem wirklich so, aber es gibt auch – für mich – enttäuschende Momente dabei. Es müssen aber nicht unbedingt teure oder rare Weine / Getränke sein. Mich reizt es immer, Neues kennen zu lernen und dabei überrascht zu werden. Und je mehr ich verkoste, desto mehr reizen mich Weine, die bereits eine längere Reifezeit hinter sich haben. Weine, die der jugendlichen Sturm und Drang Phase entwachsen sind und sich als Persönlichkeiten präsentieren. Das wichtigste dabei ist die Geduld.