Nur die besten Rebsorten wurden ausgelesen - oder was man dafür hielt
Die Geschichte des Weins
Die Rebsorten, die heute in den Weinbergen der Welt stehen, sind das Ergebnis eines Ausleseprozesses, der bereits vor etwa 60 Millionen Jahren begann. Zuerst waren es mehrere Eiszeiten und Klimaveränderungen, welche vorhandene Reben verschwinden und neue entstehen ließen. Dann begannen Vögel und Säugetiere, die in Wäldern wachsenden Wildreben (lateinisch: Vitis silvestris) nach Geschmack und Erreichbarkeit zu selektieren. Schließlich kamen die Menschen und sonderten einzelne Reben aus, um sie in ihren Gärten zu kultivieren: die ihnen am besten schmeckten und aus denen sich der beste Wein erzeugen ließ. So entstanden die ersten europäischen Kulturreben (Vitis vinifera).Ständige Selektion
Mit dem wachsenden Handel und Verkehr, aber auch mit den Völkerwanderungen wurden die Reben dann von Händlern, Seefahrern, Söldnern und Siedlern in andere Länder gebracht. Dort fanden sie neue Wachstumsbedingungen vor: ein anderes Klima, andere Böden, andere Krankheiten. Viele Reben gingen ein, einige konnten sich anpassen. Auf diese Weise wurde im Laufe der letzten Jahrhunderte die Rebenvielfalt immer stärker eingeengt. Heute gibt es keine Wild-Reben mehr, und auch die Anzahl der tatsächlich im Anbau befindlichen Kulturreben ist stark zurückgegangen, am stärksten durch die Reblauskatastrophe, die Europa ab 1850 heimsuchte, in einzelnen Regionen bis 1930 wütete und viele regionale Sorten unwiederbringlich ausgelöscht hat. Geblieben sind weltweit etwa tausend verschiedene Rebsorten. Davon werden aber höchstens 15 Prozent in nennenswerten Mengen angebaut.
Überwindung der Reblauskatastrophe
Die Reblaus hatte die Rebstöcke von der Wurzel her zerstört. Die amerikanischen Reben, so stellten Wissenschaftler fest, hatten Wurzeln, die gegen die Reblaus immun waren. Also bepflanzte man die europäischen Weinberge mit amerikanischen Stöcken (»Unterlagsreben«) und pfropfte die europäischen Rebreiser auf sie. Resultat: Bis heute hat die Reblaus in Europa nicht mehr Fuß gefasst.
RebenzüchtungAber auch durch die moderne Rebenzüchtung ist die natürliche Vielfalt innerhalb der Sorten stark reduziert worden. Sie hat die ertragreichsten, krankheitsbeständigsten oder frühreifsten Pflanzen ausgesondert, züchterisch vermehrt oder miteinander gekreuzt.
So ist ein kleines Sortiment von Hochleistungsreben entstanden, mit dem die Weinberge heute bestockt sind. Qualitative Gesichtspunkte haben bei dieser Selektion nicht immer und nicht überall an erster Stelle gestanden. Hochwertige alte Reben mit kleinen Beeren und dicker Schale werden darum heute von qualitätsorientierten Winzern wieder gesucht.
Ursprung der Reben und des Weins
Die ältesten Zeugnisse der Gärkunst stammen aus dem heutigen Syrien (alte Traubenpresse, 8000 v. Chr.) und aus den südlichen Ausläufern des Kaukasus, dem heutigen Georgien. Dort wurden tönerne Weingefäße gefunden, die, in der Erde vergraben, bereits 6000 Jahre v. Chr. zur Konservierung des Weins benutzt worden waren. Doch mit Sicherheit waren die Assyrer und Georgier nicht die ersten, die Wein herstellten. Traubenkerne, die nach radiologischen Untersuchungen aus der Zeit um 10 000 bis 8000 v. Chr. stammen, wurden in der Türkei und in Persien gefunden. Wahrscheinlich haben die Nomadenvölker auch vorher schon gewusst, dass der Traubensaft, den sie in ihren Ziegenlederbälgen mit sich führten, zu einem berauschenden Getränk werden kann.
Die ersten bildlichen Darstellungen der Weinbereitung stammen aus Ägypten. Auch aus dem Jordantal, aus Armenien und aus Kreta gibt es frühe Zeugnisse der Weinherstellung.
Ein regelrechter Weinkult entstand etwa 2000 v. Chr. in Griechenland. Die Menschen verehrten den Wein derart, dass sie ihn in einer Gottesgestalt verkörpert wissen wollten: Dionysos. Er wurde vom Gott der Pflanzen zum Gott des Weins.
Dionysos feierte mit seinen Priesterinnen in dunklen Wäldern und auf blühenden Wiesen ausschweifende Feste, auf denen nicht nur viel getrunken, sondern auch ekstatisch getanzt wurde und man sich der Sinnenlust hingab. Dionysos vermochte mehr Anhänger, insbesondere Frauen, für sich zu begeistern als die olympischen Götter. Zeitweise war er stärker als Apoll.
Den naturschwärmerischen Bacchuskult übernahmen später die Römer. Im vorchristlichen Rom führte er jedoch bald zu dekadenten Auswüchsen (Promiskuität, Betrug, Mord). Er wurde erst verboten, dann unter dem Druck des Volkes von Julius Cäsar wieder zugelassen. Mit dem aufkommenden Christentum wurden die Bacchusanhänger verfolgt und ihr Kult als heidnischer Aberglaube geächtet. Noch heute wird der Wein in vielen Ländern der Erde mit gefährlichen Rauschmitteln gleichgesetzt.








