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Zwei einzigartige Tugenden hat die Rebe:
Sie ist genügsam und leidensfähig.

Die Rebe

Auch auf extrem nährstoffarmen, trockenen Böden, auf denen keine andere Kulturpflanze mehr gedeiht, ist sie noch lebensfähig.

Diese Überlebenskraft schöpft sie in erster Linie aus dem Wurzelwerk. Tiefer als bei jeder anderen Pflanze dringen ihre Wurzeln in den Boden ein und suchen dort, was sie in höheren Bodenschichten nicht finden: Wasser, Mineralien, Stickstoff. Weil das aber nur durch optimale Lichtausnutzung möglich ist, hat sie sich zur Kletterpflanze entwickelt.

Hinzu kommt ihre Zähigkeit. Sie ist – im Gegensatz zu den meisten anderen Pflanzen – genügsam und leidensfähig. Deshalb schätzen sie die Menschen so sehr. Denn nur eine Rebe, die leidet, gibt guten Wein, haben sie herausgefunden. Richtig: Je weniger Früchte eine Pflanze trägt, desto besser sind diese.

Die Blüten
Die europäischen Kulturreben sind zweigeschlechtig. Das heißt: Sie weisen in jeder Blüte männliche Staubgefäße und einen weiblichen Fruchtknoten auf. Damit sind sie in der Lage, sich selbst zu befruchten. Die amerikanischen Reben sind dagegen eingeschlechtig. Sie brauchen Insekten oder den Wind, um befruchtet zu werden.

Die Gescheine
Die Rebe weist keine Einzelblüten auf, sondern Blütenstände. Diese werden Gescheine genannt. Aus jedem Geschein mit seinen 100 bis 150 Einzelblüten entwickelt sich später eine Traube mit entsprechend vielen Beeren – vorausgesetzt, alle Blüten werden befruchtet. Schlechte Witterung und Nährstoffmangel können die vollständige Befruchtung verhindert. In diesem Fall trägt die Traube später nur wenige Beeren. Der Winzer spricht vom „Durchrieseln“ während der Blüte.

Die Knospen
An den Trieben des letzten Jahres bilden sich im Frühjahr zwei Knospen. In der Winzersprache heißen sie „Augen“. Aus dem einen Auge entwickelt sich der Sommertrieb, an dem später die Traube hängt. Das andere Auge bleibt im Knospenstadium. Es überwintert und bildet im nächsten Jahr den Sommertrieb. „Winterauge“ nennen es die Winzer.


Die Geiztriebe
An jedem Sommertrieb bilden sich auch mehrere Geiztriebe aus. Sie sind kürzer als die Sommertriebe und tragen in der Regel keine Trauben (wenn doch, werden diese nicht reif). Solange die Geiztriebe nicht überhand nehmen, lässt der Winzer sie stehen. Denn ihre Blätter dienen der Zuckerbildung in der Rebe und fördern damit indirekt die Traubenreife. Wenn der Sommertrieb allerdings zu früh beschnitten wurde, wird das Wachstum der Geiztriebe gefördert. Dann müssen sie von Hand entfernt werden.

Die Tag- oder Tauwurzeln
Haardünne Wurzeln wachsen schon wenige Zentimeter unter der Erdoberfläche. Sie dienen vor allem der Wasseraufnahme. Eine junge, gerade ein Jahr alte Rebe weist bereits knapp 5.000 solcher Tagwurzeln auf.

Der Rebstamm
Der Rebstamm ist die Fortsetzung der Wurzel über der Erde. Er dient zum Halt der Rebe, vor allem aber zum Nährstoff-Transport. Im inneren Teil wird das Wasser von den Wurzeln nach oben, in seinen äußeren Bereichen nach unten transportiert, um die Wurzeln zu versorgen.

Die Trauben
An jedem Sommertrieb wachsen bis zu vier Trauben. Der Winzer reduziert sie durch Anschnitt auf durchschnittlich zwei. Die Trauben bestehen aus einem holzartigen Stielgerüst, den Rispen, und den Beeren. Die Beeren, auch die roten, bleiben bis in den Hochsommer hinein grün und hart. Erst in den zwei Monaten vor der Lese färben sie sich und werden weicher.

Blätter
Das Blattgrün zieht – wie bei allen höheren Pflanzen – das Kohlendioxid aus der Luft und wandelt es in eine spezielle Zuckerart, der Hexose, um. Hexose ist für die Ernährung der Reben unverzichtbar. Dieser Vorgang, Photosynthese genannt, vollzieht sich tagsüber unter dem Einfluss von Licht. Die Blätter fungieren also als eine Art Sonnensegel. Guter Laubwuchs (200 bis 400 Blätter pro Reben) ist daher ebenso wichtig wie ausreichend Helligkeit im Anbaugebiet (Idealwert: 30.000 Lux). Nachts scheiden die Blätter dagegen Wasser aus – etwa 1,5 Liter pro 200 Blätter. Dadurch wird einmal das Mikroklima des Weinbergs reguliert, zum anderen neues Wasser aus der Wurzel nach oben gezogen.

Einjähriges Holz
Aus den Knospen gehen grüne Triebe hervor, die rasch verholzen. Sommertriebe oder einjähriges Holz heißen sie in der Winzersprache. Ihnen gilt das Hauptaugenmerk des Winzers. An ihnen wachsen nämlich Blätter, Ranken und die Blüten, aus denen sich später die Trauben entwickeln sollen. Jeder Sommertrieb weist mehrere Gescheine auf. Wenn alle befruchtet werden, kann es später notwendig werden, einzelne noch grüne Trauben abzuschneiden – aus Qualitätsgründen. Sommerschnitt nennt der Winzer diesen Vorgang.

Die Ranken
Die Ranken sind die Greiforgane der Rebe. In der Wachstumsphase (März bis Juni) suchen sie mit kreisenden Bewegungen nach Halt. Dabei sind ihre Spitzen sehr reizempfindlich. Sie klammern sich an alles, was ihnen Halt bietet. Mit einer schraubenförmigen Drehbewegung umwickeln sie Drähte oder Baumäste, so dass sich die Rebe aufrichten kann.

Die Fußwurzeln
Sie verankern den Rebstock in der Tiefe und transportieren die Nährstoffe nach oben. Fußwurzeln sind oft 5 Meter lang. In Extremfällen sogar 10 bis 20 Meter.

Zweijähriges Holz
Nach der Lese werden 90 Prozent des einjährigen Holzes abgeschnitten. Der Winzer lässt nur eine oder zwei Ruten stehen, und die kürzt er auch noch mehr oder minder stark ein („Anschnitt“). Aus den Winterknospen, die sich an ihnen befinden, wächst im nächsten Frühjahr der neue Sommertrieb. Der alte wird dann zum zweijährigen Holz und dient nur noch als Reservespeicher für Nährstoffe.

Die Seitenwurzeln
Sie dienen der Verankerung der Rebe im Boden, aber auch dem Nährstoff-Transport und der Wasseraufnahme, insbesondere wenn die Tagwurzeln durch Erdarbeiten beschädigt wurden.