Argentinien

Weinbau mit Blick auf die Anden

Argentiniens Weinbaugeschichte beginnt mit den ersten europäischen Siedlern. Schnell hat sich gezeigt, dass die klimatischen Voraussetzungen gut sind, um Quantität und Qualität zu erzeugen. Doch hat es lange gedauert, bis Argentinien es im internationalen Vergleich ins fordere Feld geschafft hat. Heute gehört Argentinien zu den führenden Weinbaunationen der Welt. Doch wie ist dieser Weg verlaufen?

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Die Anfänge des argentinischen Weinbaus
Vergleicht man die Anfänge des argentinischen, des chilenischen oder auch des us-amerikanischen Weinbaus, so sind die Unterschiede nicht allzu gravierend. Es war immer die Kirche, die Messwein benötigte und so waren es auch immer Geistliche, die dafür sorgten, dass Reben eingeführt und angebaut wurden. Nach Argentinien wurden in der Mitte des 16. Jahrhundert die ersten Reiser vom Jesuitenpater Juan Cidrón aus dem benachbarten Chile über die Anden gebracht. Er wurde Pfarrer in der im Norden gelegenen Stadt Santiago del Estero, der ältesten, durchgängig bewohnten Stadt des Landes. Er legt an der neu erbauten Pfarrei den ersten Weingarten an, und man weiß sogar, welche Rebsorte er pflanzte. Es war die bis heute populäre Criolla Grande, die in Chile País genannt wird und in Kalifornien Mission. Der Ursprung dieser „Missionsrebe“ ist bis heute unbekannt. Aus den rosafarbenen Trauben werden jedoch bis heute leichte Massenweine produziert. Einen weiteren Weinberg legte Juan Cidrón einige Jahre später in der 1551 gegründeten Siedlung Mendoza an, die bis heute das wichtigste Zentrum des argentinischen Weinbaus darstellt. Dabei sollte hervorgehoben werden, dass die von den Eroberern vertriebenen und oft ermordeten Inka eine wesentliche Vorarbeit geleistet hatten, ohne die Weinbau in den Ausläufern der Anden gar nicht möglich gewesen wäre. Die Inka hatten ein kompliziertes Bewässerungssystem entwickelt, das heute immer noch entweder in Betrieb ist oder als Vorbild diente, um Schmelzwasser aus den Anden in die Weingebiete zu bringen und dort zu verteilen.

Craggy Range

Mit Malbec beginnt die Moderne
Neben der Nutzung des Weins für die lokalen christlichen Kirchen entwickelte sich schnell ein reger Export des Weins in die weiter entfernten argentinischen Städte, allen voran das 1.000 Kilometer entfernte Buenos Aires. Der heimische Markt sollte ab dem beginnenden 18. Jahrhundert bis in die späten 1970er Jahre der mit Abstand wichtigste Markt für die argentinische Weinproduktion bleiben. Diese hatte sich rasant ausgebreitet, so dass in Mendoza bereits im Jahr 1887 mehr als 2.700 Hektar unter Reben standen. Mit der 1885 eröffneten Eisenbahn von Mendoza nach Buenos Aires wurde der Transport des Weines deutlich erleichtert, was zu einem weiteren Anwachsen des Booms führte. Von besonderer Qualität allerdings war der Wein zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Dies beklagte zumindest Don Eusebio Blanco in seiner 1872 erschienenen Publikation Weingärten und Weine in Mendoza. Es war sein Schwiegersohn Don Tiburcio Benegas, der antrat, um dies zu ändern. Er gründete im Jahre 1883 das bis heute bekannte Weingut Trapiche. Dabei profitierte er von der Arbeit des französischen Agronomen Michel Aimé Pouget, der vom argentinischen Präsidenten den Auftrag bekommen hatte, geeignete französische Reben zu finden, die den Qualitätsstandard verbessern sollten. Als Glückgriff erwies sich dabei eine Rebsorte, die heute auf internationaler Bühne gerne als Malbec bezeichnet wird, doch sowohl in Frankreich als auch Argentinien meist unter ihrem ursprünglicheren Namen Cot oder Côt verkauft wird. Der Anbau von Malbec, Cabernet, Syrah, Merlot und Chardonnay gaben zusammen mit vielen im Weinbau erfahrenen Einwanderern die Wende in Richtung Qualität.

 

Militärregierung und Isolation
Argentinien hat sich bis in die 1940er Jahre stark oligarchisch ausgerichtet, so dass das Land unter einigen wenigen Großgrundbesitzern aufgeteilt wurde, deren Nachkommen teils bis heute riesige Ländereien besitzen. Unter Juan Péron und seiner Frau Evita beginnt die Blütezeit der argentinischen Wirtschaft, in der der Weinbau zwischen 1946 und 1955 von 100.000 auf 190.000 Hektar ausgeweitet wird. Der gesamte Ertrag wird im Inland konsumiert. In der nachfolgenden Zeit der Militärdiktatur verarmt Argentinien zunehmend. Es werden zwar große Mengen an Wein konsumiert, die Fläche wird auf über 350.000 Hektar erweitert, doch die Qualität liegt auf einfachstem Niveau. Das ist kein Wunder, wenn man auf die Erträge schaut. 250 bis 400 Hektoliter wurden aus einem Hektar gewonnen (im Qualitätsanbau sind eher 70 Hektoliter und weniger üblich). In den 1980er Jahren aber setzte ein dramatischer Rückgang des Verbrauchs ein. Viele Kellereien gingen in Konkurs, doch es gab einige Erzeuger, die Ende 1980er Jahre auf Qualität und Export setzten und den Weinbau auf ein neues Niveau anhoben.

 

Zitat: „Argentiniens Top-Produzenten bewegen sich in Richtung präziser und raffinierter Weine, die Kraft und Finesse bieten.“James Suckling

 

Nicolás Catena
Zu diesen Erzeugern gehört der argentinische Qualitäts-Pionier Nicolás Catena. Sein Großvater stammte, wie übrigens die Gründer von Gallo und Mondavi in Kalifornien, aus den Marken und gehörte zu den ersten, die in Mendoza Malbec angebaut haben. Nicolás Vater machte den Besitz zu einem der erfolgreichsten Weinbaubetriebe der Welt. Die außerordentliche Qualität, die Catenas Weine zu den am höchsten bewerteten Weinen der südlichen Hemisphäre macht, kam jedoch erst mit Nicolás Catena, der nach einer Gastprofessur in Davis, Kalifornien mit einem Bündel an Ideen und Maßnahmen zurück kam, um den Anbau und das Wassermanagement zu verbessern als auch nach noch besseren Lagen zu suchen. Eine bessere Auswahl an Klonen sowie eine strikte Ertragsbegrenzung trugen ihr Übriges zur besseren Qualität bei.

 

links: Nicolas Catena, rechts: Dieter Meier

links: Nicolas Catena, rechts: Dieter Meier

Ausländische Investitionen
Längst hat sich Argentinien mit seinen Weinen ins internationale Blickfeld geschoben. Mit dazu beigetragen haben ausländische Investitionen wie die von Moët & Chandon oder Concha y Toro, Sogrape oder Bacardi. Ein kleinerer, aber umso engagierterer Investor ist der Schweizer Dieter Meier, der ursprünglich als Texter und Sänger der Schweizer Avantgardeband Yello bekannt wurde. Der Künstler, Musiker, Schriftsteller und Unternehmer hat 1997 Agrar-Land gekauft, wo er nicht nur Rinder züchtet sondern neben Getreide, Gemüse, Soja und Nüssen vor allem auch Wein erzeugt. All diese Produkte sind biozertifiziert und setzen auf Nachhaltigkeit. So geht man auf den Farmen nicht nur schonend mit Ressourcen um, sondern baut auch die medizinische und schulische Versorgung für die teils bitterarme indigene Landbevölkerung aus.

Craggy Range

Argentinien ist bis heute ein Land der Gegensätze, das wirtschaftlich immer wieder in Krisen gerät. Der Weinbau ist dabei ein beständiger Faktor geworden, der zur Stabilisierung beiträgt. Gerade für die Freunde fruchtbetonter, saftiger Rotweine ist argentinischer Wein, allem voran der Malbec mittlerweile eine feste Größe.

christoph_raffelt

Christoph Raffelt arbeitet als Texter im Hanseatischen Wein und Sekt Kontor und betreut gleichzeitig Social-Media-Aktivitäten. Darüber hinaus lehrt er als Dozent an der Deutschen Wein- und Sommelierschule Hamburg. Er schreibt und podcastet bereits seit mehr als acht Jahren in seinem privaten Blog originalverkorkt.de und verfasst Weinkritiken und Artikel für verschiedene weitere Medien. Für seine Reihe über die Champagne der Winzer und unabhängigen Häuser wurde er 2014 mit dem Wine Online Award für den besten Weintext des Jahres ausgezeichnet.