Wenn sich über Rheinhessens Landschaft im Frühjahr die ersten Sonnenstrahlen zeigen, erwacht auch im Weinberg allmählich das Leben. Die mehr als 6.000 Winzer jedoch sind zu dieser Zeit schon lange in Aktion. Schließlich gilt es, die rund 26.500 Hektar Rebfläche zu pflegen und den neuen Wein entstehen zu lassen. Wer den Weg des Weines von der Rebe bis ins Regal verfolgt, wird überrascht sein, wie viel Arbeit in einer einzigen Flasche steckt.

Alles auf Anfang im Weinberg

Rheinhessens Weinberge liegen an der Südseite des Taunus gut geschützt von Winden aus dem Norden mit dem Gesicht zur Sonne. Beste Voraussetzungen also, um sowohl weiße als auch rote Rebsorten gedeihen zu lassen. Was die Rebsorten Rheinhessens betrifft, wird der Genießer hier vor allen Dingen weißen Rebsorten wie Riesling und Müller-Thurgau finden, denn das größte Anbaugebiet Deutschlands konzentriert sich auf Weißwein. Geht es um Rotwein, sind sowohl Dornfelder als auch Spätburgunder die vorherrschenden Sorten. Auf welches Profil sich ein Winzer festlegt, bestimmt nicht nur dessen persönliche Vorliebe, sondern auch die Lage des Weinbergs.

Ein bestockter Weinberg erbringt nach einer Wachstumszeit von rund drei Jahren Lesegut für den sogenannten Jungfernwein. In den darauf folgenden Jahren zeigt sich dann, welches Zukunftspotenzial die Lage bietet. Die meisten Winzer Rheinhessens jedoch nutzen gut gewachsene Reben, die schon seit Jahrzehnten Trauben liefern.

Schon lange vor der Lese heißt es im Weinberg, Reben zu pflegen, das Ökosystem zu unterstützen und den Reifungsprozess der Trauben zu kontrollieren. Auch die Vorbeugung von Rebkrankheiten ist bedeutend, denn so manche Erkrankung kann massive Ertragsminderungen oder gar den Ausfall eines gesamten Jahrgangs bedeuten. Für den Winzer heißt es also, das gesamte Jahr über ehrgeizig zu arbeiten und seine Gewächse beim Gedeihen und Reifen zu unterstützen. Sein Augenmerk muss dabei jedoch nicht nur den Rebstöcken gelten, sondern auch Vorgaben aus dem Weingesetz in Bezug auf Hektarerträge, Mostgewichte und weinbauliche Handgriffe.

Kurz bevor die Beeren am Rebstock ihre perfekte Reife erreichen, erfolgt zumeist eine offizielle Leseprüfung, bei der von offizieller Seite nach dem Zustand der Rebstöcke und des Leseguts gesehen wird. Auch das Mostgewicht der Beeren spielt eine entscheidende Rolle, um den genauen Lesezeitpunkt festlegen zu können.

Die Lese markiert den Wendepunkt

Sobald das eigene Lesegut reif für seine Weiterverarbeitung ist, ziehen Winzer in die Weinberge und beginnen mit der Lese. Ob diese maschinell oder von Hand erfolgt, entscheiden Philosophie, rechtliche Vorgaben und auch die Steigung sowie Gestaltung des Weinberges. Bei der Lese gilt es, Schäden am Lesegut zu vermeiden und die Beeren dann zügig zur Selektion in das Weingut zu bringen.

Reif für die Lese. Nun stehen Beeren kurz vor ihrer Verwandlung in Wein. (Quelle: koreafreund (CC0-Lizenz)/ pixabay.com)
Reif für die Lese. Nun stehen Beeren kurz vor ihrer Verwandlung in Wein. (Quelle: koreafreund (CC0-Lizenz)/ pixabay.com)

Vor Ort dann trennen fachkundige Hände hochwertige Trauben von unreifen oder gar fehlerhaften. Gleich nach dieser Selektion dann folgt die Pressung der Beeren. Ruht der so gewonnene Most bei Rotwein meist für eine vorab festgelegte Zeit auf der Maische, wird Weißweinmost für gewöhnlich ohne die sogenannte Maischegärung hergestellt. Somit entfällt bei den meisten Weißweinen auch das Abziehen der Maische.

Während der anschließenden Gärung verwandeln Hefen den Zucker des Mostes in Alkohol. Wie lange die Gärung dauern wird, ist abhängig von Mostgewicht, dem gewünschten Weinstil und auch der Temperatur. Schon kurz nach der Gärung, wenn der Wein in Tanks oder Holzfässern ausgebaut wird, informiert der Winzer seine Kundschaft über den neuen Jahrgang und dessen Potenzial. Auch wertvolle Details, die im Rahmen von Kellerproben gewonnen werden, reichen viele Winzer an ihre Kundschaft weiter. Um den Verwaltungsaufwand zu verringern, geschieht das in modernen Häusern längst digital per CRM-System.

Auf die Reifung folgt die Flasche

In der Zeit des Ausbaus, die sich von wenigen Monaten bis hin zu mehreren Jahren erstrecken kann, entsteht aus dem jungen Wein ein komplexer Genuss mit Struktur und Charakter. Ob Fässer oder Tanks zum Einsatz kommen, ist eine individuelle Entscheidung, die erneut vom gewünschten Stil des Weines bestimmt wird. Grundsätzlich reifen Rotweine sehr viel häufiger in Holzfässern als weiße.

Holz oder nicht? Eine Frage, die nur individuell beantwortet werden kann. (Quelle: dMz (CC0-Lizenz)/ pixabay.com)
Holz oder nicht? Eine Frage, die nur individuell beantwortet werden kann. (Quelle: dMz (CC0-Lizenz)/ pixabay.com)

Ist der Ausbau abgeschlossen, erhalten Qualitäts- und Prädikatsweine in Deutschland ihre offizielle Prüfnummer. Eine sorgfältige Überprüfung der gebotenen Qualität ist jedoch nicht nur hier, sondern auch bei Alltagswein eine Selbstverständlichkeit. Nur so können Weinfehler erkannt und detaillierte Verkostungsnotizen herausgegeben werden.

Schlussendlich folgen die Abfüllung des Weines in Flaschen sowie die Etikettierung. Zu diesem Zeitpunkt wissen Winzer oft schon recht genau, welche Kunden wie viele Flaschen bestellen werden.

Fertig für den Markt

Die sorgfältig verschlossenen Weinflaschen werden dann im Weingut verpackt und wenig später verschickt. Auch hier tritt erneut administrativer Aufwand auf den Plan, denn Rechnungen und Lieferscheine wollen geschrieben werden. Und auch wenn in Rheinhessen schon in der Epoche vor Christus Wein angebaut und hergestellt wurde, hat sich hier die Moderne längst etabliert. Lieferscheine werden per Software geschrieben, später in Rechnungen umgewandelt und der Transport sinnvoll geplant sowie durchgeführt. Die älteste Weinrechnung Deutschlands aus dem Jahr 1211 ist also ein Relikt längst vergangener Zeiten.

Verschickt wird der Wein dann an ganz unterschiedliche Kundschaft. Sowohl Endkunden, die direkt im Weingut bestellen, als auch Groß- und Einzelhändler erhalten ihre angeforderte Ware. Um bei der Planung des Vertriebs nicht in Schwierigkeiten zu geraten, müssen Winzer daher schon früh wissen, wie viele Liter Wein der aktuell angebotene Jahrgang umfassen wird. Übersteigt die Nachfrage das Angebot und wird das nicht rechtzeitig kommuniziert, könnte das letztendlich der Reputation des Guts schaden. Erneut heißt es also, Sorgfalt walten zu lassen.

Dass sich die Lust auf guten Wein in Deutschland äußerst stabil zeigt, beweisen auch die Zahlen des Deutschen Weininstituts. Mit rund 20,6 Litern pro Kopf und Jahr kommen auf jeden Genießer folglich 27,4 Normalflaschen Wein. Das Weinjahr endet für die Winzer Rheinhessens daher nicht mit dem Versand der letzten Kiste. Schließlich wollen die Rebstöcke auf ihre Winterruhe und das nächste Jahr vorbereitet werden. Der Wein des zuletzt vollendeten Jahrgangs ist indes schon längst beim Genießer angelangt.

Bildquelle Titelbild: marie-charlott (CC0-Lizenz)/ pixabay.com

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