Alte Reben

Was sind alte Reben?

„Je älter die Rebe, desto besser der Wein“ ist eine viel zitierte Weisheit unter Kennern edler Weine. Weinreben können tatsächlich ein sehr hohes Alter erreichen. Sie wurden früher für Jahrhunderte gepflanzt. Nach der Reblaus-Epidemie Ende des 19. Jhd. veränderte sich der Weinbau in Europa jedoch drastisch. Neue, auf hohe Erträge gezüchtete Weinreben wurden gepflanzt. Aber der Ertrag der Weinreben lässt mit den Jahren nach. Deswegen beginnt man heute meist nach etwa 25 Jahren damit, alte Rebstöcke durch junge zu ersetzen. Inzwischen berufen sich jedoch immer mehr Winzer auf die Tradition und gehen dazu über, den Wein alter Reben offensiv zu vermarkten. Sie setzen weniger auf Masse, sondern auf Klasse. Das zahlt sich aus – vor allem im Geschmack.

Alte Reben

Was macht einen Wein aus alten Reben besonders?

Ein Wein aus alten Reben spricht für die Tradition des Weinguts. Aber es gibt neben dem Marketing auch andere Gründe, eine Parzelle nicht nach zwanzig Jahren umzupflügen. Der wichtigste ist der Geschmack. Die Wurzeln alter Rebstöcke reichen sehr tief, bis zu 20 Meter in den Boden. Dadurch sind sie auch in trockenen Sommern kontinuierlich mit Wasser versorgt und spiegeln die für eine Lage typischen Bodenverhältnisse und das Terroir intensiver wider. Auch wenn die Mineralien über die Feinwurzeln in Bodennähe aufgenommen werden, zeichnen sich diese Weine oft durch einen schmelzigen, mineralischen Geschmack aus. Auch der geringere Fruchtstand und Blattwuchs wirkt sich auf den Geschmack aus. Sie bekommen mehr Sonne, so gelangt mehr Zucker in die einzelnen Trauben. Den Effekt kann man schmecken: Ihr Charakter ist intensiver, ihre Farbe ausdrucksreicher und ihr Alkoholgehalt oft höher. Und natürlich bieten sie sich auch gut für die Lagerung an. Dies alles wird deutlich, wenn man Weine von unterschiedlich alten Reben eines Jahrgangs und einer Lage verkostet.

Was für einen Lebenszyklus hat ein Rebstock?

Die Arbeit eines Winzers ist ein Fulltime-Job und bei weitem nicht auf die Ernte im Herbst beschränkt. Dies hat insbesondere mit dem Lebenszyklus eines Rebstocks und seiner Veredelung zu tun. Denn bei den allermeisten Rebstöcken in Europa handelt es sich um veredelte Pflanzen. Die Rebstöcke selbst sind in der Regel amerikanischer Herkunft, weil diese resistent gegen die Reblaus sind. Auf diese sogenannten Unterlagsreben werden die Edelreiser aufgepfropft, aus denen anschließend die entsprechenden Trauben wachsen. Das Pfropfen selbst geschieht entweder maschinell oder von Hand. Letzteres ist natürlich sehr viel aufwendiger. Aber es schützt die Weinrebe nachhaltig vor Verletzungen und Pilzbefall. Nach etwa drei bis sechs Jahren können die Weinreben geerntet werden. Ihren Zenit erreichen sie etwa nach zehn Jahren, danach sinkt die geerntete Menge kontinuierlich. In der Regel beginnt ein Winzer spätestens nach 20 bis 25 Jahren mit der Rodung und Neuanpflanzung junger Rebstöcke.

Alte Reben

Die Entscheidung des Winzers, in bestimmten Bereichen des Weinguts auf die Rodung zu verzichten, ist für ihn immer mit einem gewissen Risiko verbunden: Weniger Ertrag, höhere Kosten. Es ist vor allem eine langfristige Entscheidung, die mit sehr viel mehr Handarbeit verbunden ist. Denn maschinell veredelte Rebstöcke werden mit großer Wahrscheinlichkeit kein hohes Alter erreichen. Dass immer mehr Winzer auf alte Reben setzen, zeigt ein Umlenken von Masse auf Klasse und ein Vertrauen in das Qualitätsbewusstsein ihrer Kunden.

Alte Reben

Alte Reben international

In der angelsächsischen Welt laufen die alten Reben unter der Bezeichnung „old vine“. In Australien keltert das Weingut Penfolds zum Beispiel Cabernet-Sauvignon Trauben von Reben, die 1885 gepflanzt wurden. Solche Weine werden zu Spitzenpreisen gehandelt. In Frankreich werden die Weine der alten Rebstöcke „vieilles vignes“ genannt. An der Loire existiert heute noch ein Weingarten mit Romorantin Reben aus der Zeit um 1850. Das ist umso bemerkenswerter, als die Reblaus-Epidemie kurz darauf nahezu alle europäischen Weinrebenbestände befiel. Ähnlich alte Gewächse finden sich auch in den Weingärten von Bollinger. Der Champagner unter dem Namen „Vieilles Vignes Françaises“ gehört mit einer Produktion von 2.000 Flaschen pro Jahr zu den seltensten Champagnern überhaupt. Es ist übrigens auch der Lieblingschampagner des legendären Filmhelden James Bond.

Alte Reben

Auch in den traditionsreichen europäischen Weinländern Italien und Spanien liebt man Weine von alten Reben. Die Bezeichnung für italienische Weine lautet „vigna vecchia“. In Spanien nennt man sie „viñas viejas“. Hier wird übrigens auch laut über eine feste Regelung für die alten Reben nachgedacht. Bis es soweit ist, kann man auch auf der iberischen Halbinsel davon ausgehen, dass „viñas viejas“ 35 Jahre oder älter sind.

Alte Reben Deutschland

Die älteste Weinrebe Deutschlands ist ein Gewürztraminer im Rodter Rosengarten in der Pfalz. Er ist über 400 Jahre alt und steht in Deutschlands ältesten Weingarten – manche sagen sogar dem ältesten der Welt. Unter der Obhut der alteingesessenen Winzerfamilie Oberhofer liefert er jedes Jahr bis zu 300 Liter Wein.

Alte Reben

In Deutschland trägt jede fünfte Rebe Rieslingtrauben. Insofern ist es keine Überraschung, dass die deutsche Lieblingstraube auch an alten Reben wächst. Das Weingut Dreißigacker in Rheinhessen bietet zum Beispiel einen Riesling, der mit einem dichten Farbenspiel und einem intensiven Duft von Marillen, Äpfeln und Kräutern besticht. Aber auch andere Weinregionen punkten mit alten Reben wie das Weingut Schneider aus der Pfalz, dessen 40-jährige Reben mit Tönen von Grapefruit, Quitte und Mango beeindrucken und einen feinen mineralischen Schmelz aufweisen. Vom Gut Kloster Eberbach, einer alten Zisterzienserabtei im Rheingau, kommt ebenfalls ein Riesling, dessen frische Cassisnoten das hohe Alter seiner Reben vergessen lassen. Alte Reben sind also immer für eine Überraschung gut.

Holger Petersen - 9. Oktober 2017