Das Rosé-Revival

Lange geschmäht – jetzt gefeiert

 

Als Sacha Lichine das Cru Classé Weingut Château Prieuré-Lichine in Margaux verkaufte, um in der Provence Rosé auf Grand-Cru-Niveau zu vinifizieren, wurde er von seinen Freunden und Partnern keineswegs angelächelt. Er wurde nicht einmal mitleidig belächelt. Er wurde ausgelacht  – und zwar von jedem, dem er seine Idee erzählte. Doch Lichine, der im amerikanischen und französischen Weinhandel aufgewachsen war, ließ sich nicht beirren. Er hatte eine klare Vision, kaufte 2006 das Château d’Esclans und schaffte es innerhalb weniger Jahre, genau das zu machen, wofür er angetreten war: Er vinifiziert bis heute die vielleicht besten Rosés der Welt – und auch die teuersten. Tatsächlich hatte es niemand für möglich gehalten, Rosé von dieser Klasse in Flaschen zu füllen und einen Wein wie den Garrus dann auch noch für eine dreistellige Summe verkaufen zu können. Das war vorher nur den Champagne-Häusern mit ihren Rosé-Champagnern vergönnt gewesen. Und prompt waren es auch einige Champagne-Produzenten, die sich nach den ersten Erfolgen von Lichine in der Provence umschauten und dort investierten. Etwas später kamen Brad Pitt und Angelina Jolie, um zusammen mit der Familie Perrin ebenfalls Rosé auf Spitzenniveau zu produzieren. Sie erwarben die Domaine Miraval, die übrigens auch schon vorher einen bekannten Provence-Rosé im Programm hatte: Pink Floyd, benannt nach der legendären Band, die einige ihrer Platten im Tonstudio von Miraval produziert hatte.

 

Vom Nebenprodukt zum Cru

Doch wie kam es zu diesem Umschwung in der Wahrnehmung des Rosé? Ist der Rosé immer noch die oft geschmähte und verkannte Sorte Wein, die weder Fisch noch Fleisch, weder ein richtiger Weißwein noch ein richtiger Rotwein ist? Mit Ja oder Nein könnte man da antworten. Ja, es ist dieser Zwitter aus vornehmlich roten Sorten, die im Keller ähnlich behandelt werden wie Weißwein. Sie haben die Frucht von rotem Wein, sind aber frisch und säurebetont wie weißer Wein. Das macht sie zum idealen Sommergenuss oder zum Partywein. Doch eher selten hat man bislang Rosé mit bewusstem Genießen in Verbindung gebracht. Daher kann man die oben gestellte Frage auch mit einem Nein beantworten. Denn das, was auf Miraval oder Château d’Esclans produziert wird, ist keineswegs nur ein Nebenprodukt der Rotweinherstellung, es ist die bewusste Entscheidung, hervorragendes Traubenmaterial für einen roséfarbenen Wein zu nehmen, dem genauso viel Aufmerksamkeit zuteil wird wie einem sehr guten Rot- oder Weißwein.

 

Es gibt übrigens Weingüter, die das schon immer so gemacht haben und deren Rosés von Liebhabern schon lange sehr wertgeschätzt werden. Der Rioja-Produzent Lopez de Heredia, bekannt für seine klassischen Tondonia-Weine, gibt ein solches Beispiel. In seltenen Jahren füllt er eine kleine Menge Rosé-Gran-Reservas ab. Die Weine sind nicht teuer, doch man bekommt sie so gut wie überhaupt nicht, so gering ist die Menge und so groß der Run auf diese Weine. Diese Art der Weinbereitung steht in deutlichem Gegensatz zum einfachen Rosé, der bewusst kalt vergoren und mit etwas Restsüße abgefüllt wird, um ihn betont primärfruchtig und saftig sein zu lassen.

 

Rosé aus roten und weißen Trauben? Auch das ist möglich

Grundsätzlich gibt es eine ganze Reihe an Möglichkeiten, Rosé zu erzeugen. Die einfachste ist, rote und weiße Trauben zusammen zu pressen oder Rot- und Weißweine später zu einer Cuvée zusammenzufügen. Dies ist allerdings nur in wenigen Gegenden erlaubt. So zum Beispiel darf man in der Provence nur in geringen Anteilen weiße Rebsorten mit roten mischen. Das bekannteste Gebiet der sogenannten Assemblage ist die Champagne, wo ein Rosé auch so erzeugt werden kann, dass 95 % Chardonnay die vergleichsweise kleine Menge von 5 % rotem Pinot Noir hinzugefügt wird. Die Cuvée aus rotem und weißem Wein ist auch beim Cvicek, einem traditionellen slowenischen Wein, erlaubt. Sonst aber sind die Gesetze eindeutig: Rosé darf nur aus roten Trauben vinifiziert werden.

 

 

Die beiden wichtigsten Vinifikations-Methoden

Heute sind zwei Verfahren der Rosé-Herstellung verbreitet. Bei dem ersten werden die roten Trauben nach nur kurzem Schalenkontakt schnell abgepresst. Die meisten roten Sorten haben ja weißes Fruchtfleisch. Presst man diese Trauben direkt, dann entsteht ein fast weißer Wein, ein sogenannter Blanc de Noirs. Quetscht man die Trauben an und lässt den Saft einige Stunden lang auf der Maische stehen, rinnt Farbstoff aus den Traubenhäuten in den Saft. Je länger diese Standzeit dauert, desto dunkler wird der Wein. Wird das Saignée-Verfahren angewandt – Saignée bedeutet so viel wie ausbluten –, dann werden die roten Trauben angepresst, und der erste ablaufende Saft wird als Rosé verkauft. Im Deutschen nennt man dieses Verfahren auch Saftabzug. Es wird vor allem dann angewandt, wenn Winzer den Rotwein konzentrieren wollen.

 

Rosé – ein Wein mit langer Tradition

Tatsächlich hat Rosé in vielen Gegenden eine lange Tradition. In der Provence beispielsweise ist Rosé schon immer der populärste Wein gewesen. Im südfranzösischen Tavel, der vielleicht bekanntesten Rosé-Appellation Frankreichs, wird dieser Wein seit dem 17. Jahrhundert erzeugt, und er wird auf den besten Weinkarten der Welt geführt. Auch im burgundischen Marsannay hat Rosé eine lange Tradition. Doch auch abseits von Frankreich gibt es solche Gegenden. Der badische Weißherbst dürfte ähnlich bekannt sein wie der Bardolino vom Gardasee, und im weit entfernten Kalifornien hat sich ebenfalls ein eigener Typus herausgebildet. Dort wird Kaliforniens typischste Rebsorte, der Zinfandel, als sogenannter Blush roséfarben und meist auch leicht restsüß ausgebaut.

 

Ein exzellenter Essensbegleiter

Ein solcher Zinfandel Blush passt natürlich einerseits zu leichten Desserts mit frischen Beeren, andererseits jedoch ebenso zu knackigen Salaten mit scharf angebratenem Gemüse, ferner zu hellem Fleisch oder zu Meeresfrüchten. Die dezente Süße puffert die Schärfe ab und harmonisiert sie. Die leichte Sommerküche ist sicher der ideale Partner typischer Rosés. Doch sollte man die Weine nicht unterschätzen. Schließlich punkten sie nicht nur durch Frische und Frucht. Sehr gute Rosés, wie beispielsweise der Sancerre Rosé aus der Pinot-Traube, überraschen mit Gerbstoff, Kraft und markanter Mineralität. Sie harmonieren perfekt zu Fisch und Jakobsmuscheln vom Grill, grünem Spargel oder auch Ratatouille. Würzige Vertreter wie Tavel oder Bandol können zur Bouillon oder zum Eintopf, zu Geschmortem von Schwein und Kalb oder zu gebratenem Hähnchen gereicht werden.

 

Mit seiner immer leichten und frischen Art hat sich der mineralische Rosé-Stil nun tatsächlich weltweit durchgesetzt. Ob Provence oder Champagne, Gardasee oder Provence – man denke nur an den markanten Rosé von Brancaia –, Rosé steht zu Recht hoch im Kurs.