Klicken Sie entweder in der A-Z Leiste auf den Anfangsbuchstaben des gesuchten Begriffs oder geben Sie ihn direkt in die Freitextsuche ein.
Kleiner Tipp: Es genügen auch die ersten Buchstaben Ihres Suchbegriffes, falls Sie sich bei der Schreibweise nicht sicher sind.
Müller-Thurgau
Die Züchtung dieser weißen Rebsorte wird dem Schweizer DDr. Hermann Müller aus Tägerwilen im Kanton Thurgau zugesprochen (er selbst nannte sich nach seiner Herkunft Hermann Müller-Thurgau). In den Jahren 1867 bis 1890 war er an der damaligen Königlichen Lehranstalt für Obst- und Weinbau in Geisenheim (Rheingau) tätig. 1891 kehrte er in sein Heimatland zurück und baute in Wädenswil eine Weinbauschule nach Geisenheimer Vorbild auf. Er nahm dabei 150 Sämlinge aus Geisenheim mit, darunter waren wahrscheinlich die Urahnen des Müller-Thurgau.
Dort beschäftigte er sich hauptsächlich mit der Kreuzung von Rebsorten und im Jahre 1892 gelang in Zusammenarbeit mit Heinrich Schellenberg mit der Zuchtnummer 58 eine Kreuzung zwischen Riesling (Mutter) x Silvaner (Vater), das Ergebnis wurde dann selektioniert. Der Müller-Thurgau war geboren, die Elternschaft galt lange Zeit als Tatsache. Aus diesem Grund hat die Rebe auch die Synonyme Riesling-Silvaner, Rivaner und Rizling-Szilváni (Ungarn). Im Jahre 1913 wurde die Rebe von August Dern (dem späteren Landesinspektor für Weinbau in Bayern) nach Deutschland gebracht, erst dort erhielt sie dann den Sorten-Namen Müller-Thurgau (was der Züchter übrigens immer ablehnte, er nannte die Rebe stets nach den vermeintlichen Eltern).
Schon Müller-Thurgau selbst war sehr frühzeitig unsicher bzw. skeptisch gegenüber der Elternschaft Riesling x Silvaner und äußerte seine Bedenken in einem Brief an August Dern, dem er vorwarf, die “falsche Rebsorte” aus Geisenheim mitgenommen zu haben. In den letzten 20 Jahren wurde die Vaterrebe Silvaner zunehmend in Frage gestellt, weil sich die Kreuzung nie wieder nachvollziehen ließ (einer der Versuche war zum Beispiel der Multaner). Eine Zeit lang nahm man an, es handle sich um eine Selbstkreuzung Riesling x Riesling, was auch heute noch häufig als Tatsache hingestellt wird.
1996 erfolgte an der Weinbauschule Klosterneuburg in Österreich durch Dr. Ferdinand Regner eine genetische Untersuchung, die als Kreuzung Riesling x Chasselas de Courtiller ergab. Im Juli 2000 wurde von Dr. Reinhard Töpfer (Direkter des Institutes Geilweilerhof in der Pfalz) mitgeteilt, daß genetische Untersuchungen eindeutig die Rebsorte Madeleine Royale (Königliche Magdalenentraube) als Vater ergeben hätten. Regner vertritt nun die Meinung, dass Madeleine Royale und Chasselas de Courtiller Synonyme für ein und dieselbe Traubensorte seien. Dr. Töpfer meint aber, dass Chasselas de Courtiller sowohl genetisch als auch vom Erscheinungsbild her Unterschiede zeige. Silvaner scheidet damit endgültig als Vater aus, aber die 100%-ige Klärung scheint noch offen.
Bei dieser Rebsorte scheiden sich die Geister, es gibt Gegner, die sie als minderwertig bezeichnen und Anhänger, die sie als frühreifende und fruchtbare Sorte schätzen. Nicht wenige behaupten, daß der größte Nachteil ihr Name sei, was ja einer der Gründe ist, daß sie auch als Rivaner bezeichnet wird. In Österreich wird sie gerne als Verschnittpartner bei sortenreinen Weinen (bis max. 15%) verwendet.
Unabhängig davon ist aber die Müller-Thurgau-Rebe die erfolgreichste Neuzüchtung der Welt, denn ab Mitte des 20. Jahrhunderts wurde sie in fast allen Weinbauländern der Erde verbreitet. Die weltweite Rebfläche beträgt über 40.000 ha. Sehr gerne wurde sie auch für weitere Kreuzungen verwendet, zum Beispiel für die Neuzüchtungen Bacchus, Cantaro, Faberrebe, Fontanara, Gloria, Goldriesling, Gutenborner, Kanzler, Muscabona, Optima, Ortega, Perle, Regent, Reichensteiner, Schantl-Traube, Septimer, Tamara, Thurling und Würzer. Es existieren auch Mutationen wie zum Beispiel der Findling.
In Deutschland ist der Müller-Thurgau noch vor dem Riesling mit über 25.000 ha Rebfläche und rund 25% Gesamt-Anteil die häufigste Rebsorte. Vor allem ist die Sorte in den Weinbau-Gebieten Rheinhessen, Baden, Pfalz, Mosel-Saar-Ruwer und Franken verbreitet. In Österreich wird sie in allen Weinbau-Gebieten auf insgesamt 4.000 ha Rebfläche und 8% Rebsorten-Anteil angebaut und in der Schweiz hat sie einen Anteil von 5%.
Die frühreifende Rebe braucht nährstoffreiche Böden, kühle Lagen und bringt hohe Erträge. Sie wird oft als Massenträger benutzt, aber kann auch hervorragende Weine hervorbringen. Die fruchtig-frischen und eher säurearmen Weine sind blaß bis hellgelb und haben manchmal einen leicht aromatischen Muskatton. Man unterscheidet drei Grund-Varianten: den klassischen, einen Scheurebe-ähnlichen und im Prädikatsbereich einen durch die Botrytis geprägten Typ. Die Weine werden zumeist trocken ausgebaut und entwickeln sich sehr rasch, deshalb sollten sie eher jung getrunken werden.








